Damit das vom Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe entwickelte System im Alltag erfolgreich funktionieren kann, benötigt es menschliche Überwacher. Jemanden wie Susanne Riesch, der die Daten der Sensoren auswertet, reagiert und die Fragen der Senioren beantwortet. Und man braucht Fachleute, die die Technik warten können. In Ludwigsburg ist das ein Problem. Ende August ist das 2,9 Millionen Euro teure Pilotprojekt ausgelaufen. Über die Pflegesätze oder Leistungen der Krankenkassen lässt sich die Technikbetreuung nicht bezahlen.

Wenn sich nicht bald eine Finanzquelle auftut, müssen die Sensoren wieder abgeschraubt werden. Es wäre nicht das erste Mal. Schon bevor sich das BMBF des Ambient Assisted Living annahm, glaubte man sich in vielen Pilotprojekten kurz vor dem Durchbruch. Stets wurden eine Software programmiert, Sensoren kalibriert und anschließend über einen Server vernetzt. Und immer wieder erprobten Forscher die Technik in ein paar Seniorenwohnungen. Aber den Sprung in Baumärkte und Elektronikgeschäfte haben die smarten Systeme nie geschafft. Auf den Kongressen der Informatiker und Ingenieure ist das Wehklagen groß. Im Auto ist die technische Assistenz doch auch angekommen, mit ABS, Navigationsgerät und Einparkhilfe. Wieso findet die intelligente Seniorenwohnung keine Abnehmer?

Mittlerweile hat die Branche viele Gründe identifiziert, warum der Durchbruch auf sich warten lässt. "Ingenieure entwickeln tolle Sachen, aber haben oft wenig Ahnung von den Bedürfnissen alter Menschen", sagt Birgit Wilkes, Telematikprofessorin von der Technischen Hochschule Wildau. Die Assistenzsysteme seien häufig umständlich zu bedienen und verlangten oft zu viel Technikkompetenz, bemerkten Forscher der Universität Kaiserslautern 2009.

Problematisch ist auch der Preis. Die Hardware in Joachim Garskes Wohnung kostet Hunderte Euro, hinzu kommen die laufenden Kosten. "Wenn ich den Bewohnern jetzt sage, dass sie jeden Monat 50 Euro für die Technik bezahlen müssen, ist die Begeisterung vermutlich schlagartig verflogen", sagt Gregor Senne vom Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg, dem Träger des Karl-Walser-Hauses. Das ergab auch die Befragung von 170 Rentnern durch das Berliner Institut für Sozialforschung: Nur ein knappes Fünftel der Senioren ist demnach bereit, allein für die intelligente Wohnung aufzukommen.

Anders sieht es aus, wenn Vermieter, Wohnbaugesellschaften oder Pflegekassen einen Teil der Kosten tragen. "Aber egal von welcher der Interessengruppen Sie das fordern", sagt Birgit Wilkes, "es geht ein Aufschrei durch die Runde." Die Wohnbaugesellschaften sind wegen neuer Auflagen zur Energieeffizienz stark belastet. Und bei den Pflege- und Krankenkassen wartet man noch ab – laut einer BMBF-Umfrage unter 326 leitenden Alterstechnikern ist dies das größte Hemmnis bei der Erschließung des Milliardenmarktes. "Jeder wartet darauf, dass jemand anderes den ersten Schritt tut", resümiert Heidrun Mollenkopf.

Man kann das Zögern des Gesundheitssektors verstehen. Aus Sicht von Pflegeprofis ist nicht sicher, ob die Assistenzsysteme einen quantifizierbaren Nutzen mit sich bringen – oder ob sie Senioren nur ein gutes Gefühl geben. Dass die Systeme die Selbstständigkeit fördern, eine Heimeinweisung verzögern, die Leistungsfähigkeit stabilisieren oder einfach nur die Pflegekosten senken, sei noch nicht ausreichend gezeigt worden, sagt der Altersforscher Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg. Es fehle an soliden Langzeitstudien.

Das überrascht, denn schon 2008 forderte die Akademiengruppe Altern der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, eine "Verlaufsuntersuchung unter Alltagsbedingungen" durchzuführen. Um den Nutzen zweifelsfrei nachzuweisen, müsste man viele Hundert Senioren die Technik über mindestens ein halbes Jahr testen lassen und die Ergebnisse obendrein mit einer Seniorengruppe ohne Hilfssystem vergleichen, sagt Wahl.

Wie wenig die Initiative des BMBF an Nutzenforschung interessiert war, zeigt das Projekt Smart Senior. Neben der Deutschen Telekom, Siemens und BMW beteiligten sich 25 Partner aus Industrie und Forschung an dem Mammutprojekt. Es verschlang 43 Millionen Euro, darunter mehr als die Hälfte der BMBF-Ausschreibung des Jahres 2008. Das Projekt sollte ein für alle Mal den vermeintlichen Milliardenmarkt für Alterstechnikprodukte anstoßen.

Innerhalb von drei Jahren entwickelten Ingenieure und Informatiker ein Rundum-sorglos-Paket, das schließlich für eineinhalb Monate in 31 Potsdamer Wohnungen installiert wurde. Das Sensorenensemble registriert Bewegungen, Licht, Temperatur und die chemische Zusammensetzung der Luft. Keine angelassene Herdplatte, kein offen stehender Gashahn sollte den Sensoren entgehen. Eine spezielle Weste überwacht die Vitaldaten der Bewohner und überträgt diese direkt an ein Telemedizinzentrum. Im Notfall werden die Daten zusammen mit dem Aufenthaltsort des Seniors direkt an die Rettungskräfte übermittelt. Herzstück des Systems ist ein großer Flachbildschirm, der per Tablet-Computer oder Fernbedienung gesteuert wird. Über die ans Internet angeschlossene Plattform können die Bewohner mit einem Pfleger, einem Arzt oder mit anderen Senioren sprechen, Medikamente und Einkäufe bestellen – oder mit einem virtuellen Hampelmann ihren Gleichgewichtssinn trainieren.

Im Prinzip wollte Smart Senior auch wissenschaftlich Standards setzen. Man hatte extra die Berliner Charité für eine klinische Studie engagiert, anders als bei anderen Projekten wurde das Projekt von einer Ethikkommission abgesegnet und der Datenschutz geprüft. Das Hoffen auf aussagekräftige Ergebnisse, um potenzielle Geldgeber vom Nutzen der Assistenzsysteme zu überzeugen, war jedoch vergebens. Es nahmen nur Freiwillige an der Studie teil, von denen gerade mal sieben älter als 75 Jahre waren. Damit sei man sehr weit von einer repräsentativen Stichprobe entfernt, räumt der Studienleiter Mehmet Gövercin ein. Außerdem wurde bei der vernetzten Wohnung lediglich die Akzeptanz durch die Senioren sowie die Gebrauchstauglichkeit untersucht. Die Frage nach dem konkreten Nutzen blieb unbeantwortet.

Gerne hätte Gövercin die Begleitstudie länger und mit mehr Senioren durchgeführt, zudem unter geringerem zeitlichen Druck. Aber die Millionen der Projektpartner flossen in neue technische Systeme. BMW beispielsweise entwickelte einen Nothalteassistenten, der ein Fahrzeug automatisch auf den Seitenstreifen navigiert, wenn der Fahrer einen Herzinfarkt hat. Und bei der häuslichen Technik stand die Entwicklung eigener Hard- und Software im Vordergrund. An diese müssen nun – so offenbar das Kalkül der beteiligten Unternehmen – künftig alle anderen Anbieter von AAL-Produkten andocken.