Sechs Monate zu Gast in der Casa di Goethe in Rom – eine schöne Vorstellung, trotz des Lärms auf der Via del Corso, trotz des nüchternen Ambientes an diesem Auslandsposten deutscher Kultur. Die Wand des Stipendiatenzimmers schmückt ein Rom-Panorama aus dem 18. Jahrhundert. Wer käme auf die Idee, am Schrank gegenüber zwei Wanderkarten von Nordschweden zu befestigen? Sigrid Damm, durch ihre Bücher mit Goethe und seiner Lebenswelt verbunden wie kaum jemand, hat es getan. Nach zwei Gläsern Rotwein, am siebten Tag ihres Rom-Aufenthalts im Jahr 1999. Beim Blick aus dem Fenster schienen sich ihr die Häuserschluchten des Corso plötzlich in kantige Berge zu verwandeln und die flanierende Menge in einen rauschenden Gebirgsstrom. Lappland, damals schon Zweitheimat der in Thüringen geborenen, in Berlin lebenden Autorin, hielt ihre Seele besetzt, auch am Sehnsuchtsziel aller Bildungsreisenden.

Nicht nur deshalb sind diese römischen Notizen ein Ausnahmefall unter den deutschen Künstler-Diarien aus der Ewigen Stadt. Schon der Titel Wohin mit mir verheißt mehr Selbstbefragung als Rom-Betrachtung, und tatsächlich handelt das Buch zunächst weniger von Roma aeterna als von der persönlichen Situation der ostdeutschen Schriftstellerin im zehnten Jahr nach der Wende. Sie ist fünfzig, und sie ist gerade Großmutter geworden; der Überraschungserfolg ihrer Studie Christiane und Goethe hat materielle Sorgenfreiheit und Ruhm, aber auch Unruhe in ihr Leben gebracht. Mit ihrem Sohn arbeitet sie an einem Bildband über den geliebten Norden, und nun ist da die Einladung nach Rom, in eine Stadt, in die es sie, nach einem intensiven Blitzbesuch auf ihrer einzigen Italienreise zu DDR-Zeiten, nie mehr gezogen hat: Die »Reisebeschränkung als Sperre im Kopf« hat bei ihr die Berliner Mauer überdauert.

Halb skeptisch, halb neugierig, mit rudimentären Sprachkenntnissen und wenig vorbereitet tritt sie das Stipendium an. In ihrem unbekümmert elliptischen Stil führt sie ein Tagebuch, in dem sie von der Alpenüberquerung bis zur Heimkehr alles festhält, was ihr wichtig ist. Gleichberechtigt neben den Eindrücken aus der fremden, lauten, sie zunächst überfordernden, dann immer mehr faszinierenden Stadt stehen die Erinnerungen und Empfindungen, die das Abenteuer in ihr auslöst: Freimütig lässt sie den Leser teilhaben an dem Versuch, ihr Leben und Schreiben zwischen DDR-Vergangenheit, turbulenter Gegenwart und Zukunftsoptionen zu verorten. Natürlich sind Goethes römische Aufzeichnungen, auch sie ja der literarische Niederschlag einer Lebenskrise, ihr als Bezugsrahmen stets gegenwärtig; umso unbehaglicher ist ihr die institutionelle Vereinnahmung des Dichters, dessen 250. Geburtstag man in jenem Jahr zelebriert.

Und so fügt sich dann doch alles zu einem Rom-Buch der liebenswürdigsten Sorte. Unbefangen, ohne jede Prätention von Kennerschaft oder Insidertum berichtet Sigrid Damm von ihren Streifzügen und Entdeckungen, von Begegnungen der spektakulären oder »nur« menschlichen Art, von Spurensuche und Offenbarungen. Sie tut es auf so sympathische Weise, dass man auch als Romkundiger alles noch einmal neu und im Zustand der Unschuld zu sehen glaubt. Am Ende wird sie den Süden als innere Gestimmtheit in den Norden mitnehmen. Gern wüsste man noch, ob Sigrid Damm anschließend einen Stadtplan von Rom an die Wand ihres lappländischen Sommerhauses geheftet hat. Passen würde es zu ihr.