Wenn der Schmerz des Täters am größten ist, ist die Genugtuung des Zuschauers am tiefsten. Wir kennen die Racheszenen und das Gefühl aus dem Kino: Das Publikum ist auf der Seite des gerechten Rächers und findet es richtig, wenn der Vater eines von Vergewaltigern entführten Mädchens den Täter mit Stromstößen foltert, um zu erfahren, wo das Opfer versteckt ist. Der Vater wird vor Sorge fast wahnsinnig, aber foltert mit kalter Wut, damit der Täter nicht zu früh stirbt. Als der die rettende Information preisgibt, schaltet der Rächer (gespielt von Liam Neeson) den Strom ein letztes Mal an und überlässt den Täter dem Tod. Viele von uns finden auch das richtig.

Rache ist süß, wenn der Rächer im Recht ist, und um des Opfers willen müssen die Peiniger gepeinigt werden: Nach diesem Muster funktionieren bis heute die großen Rachedramen im Kino. Nach diesem Muster fordern in Indien nun zornige Demonstranten die Todesstrafe für die Vergewaltiger einer zu Tode gequälten junge Frau, und die Regierungspartei hat die Kastration der Täter vorgeschlagen. Bei uns in Deutschland gibt es weder die Todesstrafe noch Zwangskastrationen. Zum Glück. Und doch kann auch hierzulande das entsetzte Publikum dieses leider realen Dramas den drakonischen Strafandrohungen seine Sympathie nicht ganz versagen.

Manche Taten sind so unmenschlich, dass eine menschliche Reaktion darauf, eine zivilisierte Strafe beinahe anstößig wirkt. Deshalb ist die archaische Figur des Rächers auch im Westen noch populär: in dem Kinofilm Taken mit Liam Neeson ebenso wie in dem Klassiker Spiel mir das Lied vom Tod oder der Fernsehserie 24 mit Kiefer Sutherland als gnadenlosem Terroristenjäger.

Rache ist bitter, brutal, blutig. Warum erscheint das Rachebedürfnis der Inder trotzdem legitim? Weil der Mensch sich nach ausgleichender Gerechtigkeit sehnt, insbesondere nach einem Ausgleich für mutwillige Gewalt. Früher nannte man diesen Ausgleich Sühne. Im Alten Testament gibt es für den Vergeltungswunsch Schlüsselsätze wie: "Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr." Trotzdem ist Rache nach unserem aufgeklärten Verständnis nicht legitim. Gewalt verursacht Gewalt. Diesen Teufelskreis durchbricht der Rechtsstaat. Er reagiert auf Untaten nicht mit Untaten, sondern setzt den Opfermechanismus außer Kraft. Das religiöse Vorbild für dieses Friedensprinzip heißt Jesus Christus.

Doch so nobel es sein mag, die andere Wange hinzuhalten, und so fortschrittlich es ist, auch Gewalttäter menschlich zu behandeln: Bei bestimmten Verbrechen bleibt ein schmerzliches Ungleichgewicht zwischen Tat und Strafe. Wenn eine Gruppe Männer eine arglose junge Frau und ihren Verlobten aufs Viehischste quält, dann fällt es schwer, diese Menschen noch als Menschen anzusehen. Mit ihrer Tat haben sie sich nicht nur außerhalb der Gesetze gestellt, sondern außerhalb aller Menschlichkeit, allen Mitleids, alles Verzeihlichen.

Was tun? Wir wissen, dass Unverzeihliches überall und auch bei uns geschieht. Wir wollen jedoch unsere Gesetze keineswegs eintauschen gegen das Prinzip Rache. Wir sind kein mittelalterlicher Mob, der sich an Hinrichtungsschauspielen ergötzt. Aber die strenge Maxime des antiken Ethikers Aristoteles "Tue Gutes denen, die dir Gutes tun, und schade denen, die dir schaden!" drückt etwas aus, was auch wir heute zu Recht empfinden. Es ist nicht bloß Rachsucht, sondern Zorn über das schreckliche Schicksal des Opfers. Es ist der Wunsch nach Wiedergutmachung, wo es keine Wiedergutmachung gibt. Es ist ein zutiefst menschliches Gefühl.

Evelyn Finger vertritt Josef Joffe, der im Urlaub ist