Die gusseisernen Heizkörper, die der Künstler Max Frisinger abgeschmirgelt und zerschlagen hatte, wirkten an diesem tristen Januarabend wie ein Lagerfeuer. Wer an Kunst interessiert war und sich zu Jahresanfang in der ausgestorbenen Hauptstadt wiederfand, suchte in den hohen, hellen Räumen der CFA-Galerie nach seinesgleichen. Wie immer, wenn sich das Neuberliner Kulturpublikum zusammenfindet, ragten aus vor die Brust geschnallten Tragegestellen zarte Babyfüßchen hervor. Was schon auf zwei Beinen stehen konnte, hatte sich an die Wände gehockt und spielte mit dem iPhone. Die Bohemeväter in ihren Lederjacken, Dufflecoats, gefütterten Trenchs und Parkas umstanden derweil die vandalisierten Gusseisenobjekte. "Ein bisschen ist das Jungskunst", befand der Kurator der Helmut Newton Stiftung, Matthias Harder, und wies auf das Nebeneinander der Patinaschichten im Inneren der Eisenröhren hin.

CFA-Chef Bruno Brunnet zeigte auf einen angeknabberten Heizkörper, dessen Rippen gefährlich in der Luft hingen: "Rem" , sagte er und gab zu verstehen, dass das Werk eine Hommage an Rem Koolhaas’ CCTV-Gebäude in Peking sei. "Ich versuche, es mir leicht zu machen", erklärte Max Frisinger, "denn Namen können auch Stress sein. Aber wenn man im Team mit den Objekten umgeht, muss man sie irgendwie benennen." Und die hohe Rippe dort, wird sie "Rückgrat" genannt? "Nein, weil jeder, der an ihr vorbeigeht, ›Brancusi‹ sagt, habe ich sie Ach, du lieber Constantin getauft."

Der Regisseur Tom Tykwer (Cloud Atlas) fasste Rem ins Auge und fand ihn ziemlich abstrakt. "Der Max, der findet so etwas und lässt sich vom Material leiten. Da ist auf den ersten Blick keine Story drin." Auf den zweiten Blick räumte Tykwer Parallelen zur eigenen Arbeit ein, bei der es zwar ein Skript gibt, aber man auch an Ort und Stelle improvisiert. "Nur, so ein Film, der dauert Jahre, da werden zig Entscheidungen gefällt und wieder umgestoßen." Stimmt es, dass Cloud Atlas in Russland besonders erfolgreich ist? Freudiges Nicken: "Dort liebt man das Epische und dass am Ende alle sterben." Deshalb kam das Geld für das Mammutprojekt auch nicht aus Hollywood, sondern von "verrückten Russen, Deutschen und ein paar durchgeknallten Chinesen". Und hat der Film die Kosten schon wieder eingespielt? "Ob er sich refinanziert hat?" Lebhaftes Mienenspiel: "Ehrlich gesagt, das steht mir bis hier, diese Frage. Who, the fuck, cares?"

Dank der Liebe Bruno Brunnets zu ikonischen Objekten wurden die Ehrengäste nicht nur mit einem Rolls-Royce-Oldsmobile kutschiert, er hatte auch eine Jukebox mit Münzbetrieb in der Paris Bar installiert, aus der Dalida und Dunja Rajter die Gäste beim anschließenden Dinner beschallten. Max Frisinger philosophierte unter Freunden und Verwandten darüber, wie man eine Fragilität in die Heizrippenkonstruktion bekommt. "Moderne Heizungen verbiegen sich nur, aber Gusseisen ist wie Luftschokolade, man kann es brechen." Jede Heizung hat ihren eigenen Charakter, "manche gehen in Richtung Architektur, andere in Richtung Körper".

Dass die Kunstbeflissenheit in Berlin breiter gestreut ist, als der Leumund will, bewies Frisinger sein jüngster Schrottplatzbesuch. Weil er weder Auto noch Führerschein hat, greift er gern auf städtische Transportdienste zurück, die meist nicht verstehen, warum er 30 Cent pro Kilo für demoliertes Zeug hinblättert, das die Müllabfuhr glücklich entsorgt hat. Dass er sich auch diesmal als Künstler outete, nützte ihm wenig, obwohl eben eine Abbildung seiner Heizkörperskulpturen in der B.Z. erschienen war. "Nee, Alter", sagte der Fahrer, "das macht schon einer. Das steht schon im Museum."