Rainer Neugebauer hat sich einen Feuerlöscher gekauft. Der Professor mit dem schwarzen Rollkragenpullover und dem grau-weißen Bart wohnt direkt am Domplatz, von draußen kann man ihm ins Wohnzimmer gucken. Er sitzt am Kamin, ein Glas Rotwein in der Hand, es riecht nach alten Büchern. Rainer Neugebauer engagiert sich gegen Neonazis. Deshalb braucht er jetzt einen Feuerlöscher: für den Notfall.

Im September stand er am Bahnhofskiosk, als drei schwarz gekleidete Männer mit Glatzen vorbeikamen. Einer von ihnen rief: "Rainer Neugebauer, du alte Judensau. Die nächste Kugel ist für dich!" Rainer Neugebauer ist kein Jude. Der Verwaltungswissenschaftler ist vor fünfzehn Jahren wegen einer Professur von Bonn nach Halberstadt in Sachsen-Anhalt gezogen, er ist Sprecher in einem Bürger-Bündnis gegen Rechtsradikale. Etwa einmal im Monat, erzählt er, wird er deshalb von Mitgliedern der Szene angepöbelt: beim Einkaufen, auf dem Fahrrad, abends auf dem Weg nach Hause. Meistens hört er weg. An diesem Tag aber beschloss er, den pöbelnden Mann anzuzeigen.

Halberstadt machte 2007 als Hochburg von Rechtsextremen von sich reden. Im Sommer hatten Neonazis vor einer Kneipe Tänzer und Sänger des örtlichen Theaters verprügelt. Einer der vier Angeklagten wurde verurteilt. Der "Halberstädter Theaterprozess" wurde zum Synonym für prügelnde Neonazis und bedrohte Bürger, für blinde oder überforderte Polizisten und eine Justiz, die sich weigerte, das rechtsextreme Motiv der Täter zu erkennen.

Auch heute gibt es Gewalt, aber die Zahl der Übergriffe ist gesunken. Im März 2012 etwa schlug ein Rechtsextremer einen 19-jährigen Vietnamesen zusammen. Bis 2009 hatte es regelmäßig Überfälle auf linke oder alternative Jugendliche gegeben. Von denen sind heute die meisten weggezogen. Die Rechtsextremen hingegen sind noch da – in Halberstadt ebenso wie in Oschersleben und Sangerhausen, Quedlinburg und Wernigerode.

Das Amtsgericht liegt inmitten von grau-braunen Plattenbauten. Am ersten Verhandlungstag treffen sich alte Bekannte: Der Vorsitzende Richter urteilte schon im Theaterprozess. Stephan L. war damals auch angeklagt, wurde aber freigesprochen. Und Rainer Neugebauer war als Beobachter im Zuschauerraum. So ist das hier: Man sieht sich immer wieder.

Neonazis sind nicht das einzige Problem des Bürgermeisters

Stephan L. trägt eine Jacke der Marke Lonsdale, die bei Rechtsextremen beliebt ist, dazu Jogginghose und Turnschuhe. Er ist 30 Jahre alt, hat eine Maurerlehre abgebrochen und ist arbeitslos, die Polizei kennt ihn seit zehn Jahren als "Gewalttäter rechts". In seiner Polizeiakte steht: illegaler Waffenbesitz, Landfriedensbruch, Körperverletzung.

Die Fakten sprechen für Neugebauers Schilderung, ein Überwachungsvideo stützt seine Aussagen. Der Verteidiger des Angeklagten legt sich trotzdem ins Zeug: Es werde Stimmung gegen seinen Mandanten gemacht, das sehe man auch an den vielen Zuschauern im Saal. Rund zwanzig Leute sind gekommen, Freunde von Rainer Neugebauer, Leute vom Bürger-Bündnis und der Bürgermeister.

Als sie nach der Verhandlung vor dem Gerichtssaal stehen und Stephan L. vorbeikommt, sagt einer der Zuschauer: "Der L. ist ganz schön dick geworden seit dem Theaterprozess." Ein schlanker Mann mit weißen Haaren erwidert: "Die mästen sich richtig, die Nazis." Vielleicht kämpft man nicht nur um die richtige politische Gesinnung: die Akademiker, die im Biomarkt einkaufen, gegen die Arbeitslosen, die, so heißt es, zu viele Halberstädter Würstchen äßen.