Klassik: Schön ungemütlich

Eine Minute und zehn Sekunden dauert dieser Triller im Finale des Kopfsatzes von Beethovens c-Moll-Klavierkonzert (seinem dritten), und der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes kostet ihn bis zur Neige aus: Was da anfangs munter perlt, gerät unverhofft ins Stocken und Stolpern und droht am Ende gar ganz zu versiegen – bis das Gespenst der Konvention rettend eingreift. Es sind Stellen wie diese, die Andsnes’ Beethoven-Debüt eine schöne Ungemütlichkeit verleihen. Hier legt sich einer weder ins gemachte Bett der historischen Aufführungspraxis noch in das der penetranten Dialektik zwischen Solist und Orchester. Andsnes und das höchst agile und farbenreiche Mahler Chamber Orchestra musizieren, ohne viel zu klügeln, und sind doch "informiert" genug, um auch dem vorangehenden, ach so unschuldigen ersten Konzert in C-Dur ein paar erstaunliche Nervositäten abzulauschen. Christine Lemke-Matwey

Leif Ove Andsnes, Mahler Chamber Orchestra: The Beethoven Journey
(Sony)

Klassik: Kathedralenglück

Das hätte man gern nachgeblättert, wie Staatssekretär Pepys mit dem Organisten von Westminster Abbey unterwegs war im London der 1660er Jahre. Doch der schönen deutschen Ausgabe der Tagebücher von Samuel Pepys gebricht’s am Register, zum Recherchieren muss man ins Netz. Und warum gerade der Organist? Weil dieser Christopher Gibbons (Sohn des berühmteren Orlando) ein sagenhaft guter Komponist ist, mehr als bloß ein Vorläufer von Purcell. Tiefe und Maß, Glut und feine Konstruktion, späte Grüße von Gesualdo, alles da in seinen Werken für Chor und Instrumente. Organist Richard Egarr, Chef der Academy of Ancient Music, stieß durch Pepys auf ihn, grub Noten aus und hob einen Schatz. Es wäre das reine Kathedralenglück, hätte der Chor kommenden Interpreten nicht noch Verbesserungsspielraum gelassen, was Intonation und Fokus angeht. Nevertheless: Great, Britain! Volker Hagedorn

Christopher Gibbons: Motets, anthems, fantasias
(Harmonia Mundi)

Pop: Gift und Galle

Liz Taylor und Richard Burton sind die Pioniere, Lee Hazlewood und Nancy Sinatra haben es in den Popsong hineingetragen: das öffentliche Beziehungsdrama. Eine späte Reprise schenken uns nun Adam Green und Binki Shapiro. Er säuft, sie zickt, er giftet, sie spuckt Galle. Wer die Karriere der beiden verfolgt hat, erkennt die Rollen, die sie auch im wirklichen Leben verkörpern: Green als wiedergeborener Großstadtneurotiker, Shapiro als Indie-Ikone mit Model-Ambitionen, ein Aufeinanderprallen der Neurosen. Dass es sich trotzdem eher um eine Farce handelt als um eine Tragödie, dafür sprechen nicht nur die vielen Zitate aus dem Fundus der Popgeschichte, von Surfgitarren bis hin zu Wall-of-Sound-Gedonner, sondern auch die Spielzeit von weniger als einer halben Stunde: So lustig die Fetzen fliegen, anders als zu Taylor/Burtons Zeiten sind Beziehungsdramen heute einfach nicht mehr abendfüllend. Thomas Groß

Adam Green & Binki Shapiro: Adam Green & Binki Shapiro
(Rounder/Universal)

Pop: Über den Hades

Eins muss man Claudia Brücken lassen: Sie weiß, wie man einen Zombie-Auftritt hinlegt. Auf dem Coverfoto von The Lost Are Found scheint sie gerade von Charon über den Styx geschippert zu werden, und tatsächlich, mit diesem neuen Album nimmt sie den Weg aus der Unterwelt zurück unter die Lebenden. Die 1963 geborene Brücken wuchs in der rheinischen Punk-Szene auf, bevor sie mit 19 Jahren Frontfrau der Avantgarde-Synthie-Popband Propaganda wurde und kurzzeitig ein internationaler Popstar. Nach einem Vierteljahrhundert mit eher sporadischen musikalischen Äußerungen singt sie nun mit kaltblauer Stimme unbekanntere Songs von David Bowie, den Bee Gees, den Pet Shop Boys oder Stina Nordenstam. Modern wirkt das vor allem, weil die aktuelle Popästhetik vom Klangbild der achtziger Jahren bestimmt wird, das Claudia Brücken nahezu unversehrt aus dem Hades mit hochgebracht hat. Thomas Winkler

Claudia Brücken: The Lost Are Found
(There(there)/Al!ive)

Pop: Und jetzt alle

Punk ist nicht tot. Er riecht inzwischen sogar ganz gut, meistens nach teurem Parfüm. Das ungestüme Aufbegehren gegen das Gegebene ist selbst zu einer Ware geworden. Wie Bad Religion, die diesem inneren Widerspruch nun das 16. Album abgetrotzt haben. Die Band gilt als Legende, seit sie das Punk-Revival der neunziger Jahre mit angeschoben hat. Und True North klingt wieder wie druckbetankt mit allem, was das Genre antreibt. Es sägen die Gitarren, es turnt der Bass, es hoppelt das Schlagzeug, alles im Dienst mitsummbarer Melodien. Sänger Greg Graffin gibt diesen routinierten Wutausbrüchen eine Botschaft. Unerschrocken singt er an gegen das Böse in der Welt (Endless Greed, Crisis Time) und führt sein Publikum verlässlich zum Fäusterecken. Das alles ist knochentrocken produziert, hart und glatt. Wie ein Faustkeil, der mit den Jahren doch ein wenig stumpf geworden ist. Arno Frank

Bad Religion: True North
(Epitaph Europe/Indigo)

Jazz: Was da ist

Keine großen Umstände. Ein paar Musiker kommen zusammen, bauen auf, spielen. Instrumente? Bass, Schlagzeug, E-Klavier. Etliche Knöpfe, Regler, Filter. Jede Menge Elektronik. Spielen. Mit Grooves, Verzerrungen, entlaufenen Akzenten. Mit Sounds aus der Kraut- und Moog-Zeit, stoischen Wiederholungen, die sich auflösen, sobald sie zu ostinaten Mustern zu erstarren drohen, und der Entschlossenheit, ein Ende zu finden. Sparsam, konzentriert, kompromisslos. Gespielt wird, was da ist, nichts sonst: keine vorgefertigten Kompositionen, keine Tonfolgen aus dem motorischen Körpergedächtnis, keine faltenfreien Lösungen. In der akustischen Welt von beat clint, dem Trio aus Düsseldorf, verwandelt sich der Mut zur kompositorischen Blöße in eine besondere Form von Energie. Die scheinbar lose vertackerten Teilskizzen verbinden sich zu Stimmungen von kühlem Reiz. Stefan Hentz

beat clint: Beat Clint
(Konnex/Freibank)

Jazz: Gelebtes Gestern

Seit vergangenen Sommer ist diese Musik unterwegs zu ihren Hörern, uns erreichte sie kurz vor Weihnachten, als Empfehlung eines Hamburger Plattenladens. Seitdem hören wir sie nur noch. En ny dag, Schwedisch, verheißt einen neuen Tag, und warum nicht auch ein neues Jahr... Vieles war, manches wird. Klavier, nur Klavier, aber wie! Gelebtes Gestern, ersehntes Morgen in Melodien, von denen wir glauben, sie ewig zu kennen. Zwölf Stücke zwischen Lied und Tanz und Traum – innig, verhalten, ergreifend schön. Doch bevor wir uns verlieren, setzt der Rhythmus ein: Martin Tingvall weiß, wie er Zufallskäufer zu Stammkunden macht. Der 38-jährige, in Hamburg lebende Schwede sammelt die Jazzfreunde da ein, wo Keith Jarrett und Chick Corea sie einst haben stehen lassen. Am Ende des neuen Tages mögen wir uns bloß die Frage stellen, ob das Jazz ist. Und was, wenn nicht? Ulrich Stock

Martin Tingvall: En ny dag
(Skip Records)