Anna Winfried, Bern

Entschuldigen Sie, Frau Winfried, aber jetzt werde ich ungehalten. Ich kann das Geschwafel vom Ernstnehmen der Ängste vor der Zuwanderung nicht mehr hören. Was hat uns denn in diesem Land in den letzten vierzig Jahren mehr beschäftigt als die Angst vor den Ausländern? Sind all die Überfremdungsinitiativen von Schwarzenbach-Republikanern und Nationaler Aktion bis zu "Schweizer Demokraten" und SVP vergessen? Notabene zu Zeiten der Ausländerkontingente, die sich offenbar sogar Wirtschaftsvertreter wieder wünschen. Wohl deshalb, weil sie davon ausgehen, dass sie wie früher die Kontingente selber bestimmen können. Erst waren es die Tschinggen, dann die Jugos und Tamilen und heute sind es die Expats, die im Coop kein Deutsch sprechen. Und natürlich die Deutschen, die uns in den Boden reden – auf Deutsch, was wir als besondere Frechheit empfinden. Zersiedelung, Wohnungsnot, hohe Mietzinsen, überfüllte S-Bahnen und Hochdeutsch sprechende Ärzte und Kellner: An allem ist die Personenfreizügigkeit schuld. Man sei irritiert, habe ich gelesen, wenn der Kellner aus der früheren DDR eine Schorle statt eine Schale bringe. Klar, bis vor Kurzem waren ja im Service nur aufgeweckte, fröhliche Menschen aus dem Zürcher Oberland oder dem Säuliamt zu finden. Man konnte sie an ihrem Dialekt erkennen.

Wir sind seit über vierzig Jahren ein Einwanderungsland, weil die Wirtschaft Arbeitskräfte braucht, die sie im Land selber nicht findet. Das war in der Geschichte der Schweiz nicht immer so. Auswandern war den Schweizern in früheren Jahrhunderten sehr vertraut. Es war oft die einzige Möglichkeit, sich und der Familie eine Perspektive zu eröffnen und die Existenz zu sichern. Wahrscheinlich wurden die Auswanderer mit einer Mischung aus Mitleid und Bewunderung betrachtet. Mitleid, weil sie das Land verlassen mussten. Heimweh soll ja ein Schweizer Wort sein. Und Bewunderung wohl auch, weil man von einigen sehr erfolgreichen Auswanderern gehört hatte. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt. Seitdem ist die Zuwanderung ein politisches Thema. Es soll also niemand sagen, wir würden nicht andauernd darüber diskutieren und auch über politische Lösungen immer wieder entscheiden.

Man sollte die politische Schizophrenie aber nicht auf die Spitze treiben. Wir kämpfen verbissen um Steuervorteile für Unternehmen und wundern uns dann, dass dort Leute arbeiten, die kein Schweizerdeutsch sprechen. Das momentane Schweizer Wirtschaftswunder ist aber nicht gottgegeben. Ich habe schon einmal darauf hingewiesen, dass die 1990iger Jahre wirtschaftlich nicht erfolgreich waren. Im internationalen Vergleich hatten wir eine Wachstumsschwäche. Erst mit den BilateralenI hat sich das Blatt gewendet. Sicher sind sie nicht allein für die wirtschaftliche Verbesserung verantwortlich. Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen, insbesondere auch der Personenfreizügigkeit, sind jedoch unbestritten.

Nun hört man aber, die Leute würden davon gar nicht richtig profitieren. Was heißt denn eine solche Aussage im Klartext? Der erwirtschaftete Wohlstand ist offenbar zu ungleich verteilt. Dann soll man doch das ändern. Jedenfalls ist es einfacher, für die Wachstumsprobleme vernünftige politische Lösungen zu finden, als den Wohlstand aufgrund von Fremdenangst abzuwürgen. So eng, wie es in manchen Köpfen von Politikern und Journalisten zu- und hergeht, kann es bei einer tauglichen Siedlungs- und Verkehrspolitik im Lande gar nie werden.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. Markus Notter