Grenzfälle

Er ist ein Wanderer durch die Zeiten, ein Erkunder europäischer Geschichte. Theo Angelopoulos und seine präzise choreografierten Bildtableaus haben sich stets die Zeit gelassen, die es braucht, bis sich eine Szene aus ihren konkreten Koordinaten löst. So wie in seinem 1991 gedrehten Film Der schwebende Schritt des Storches. Ein Fernsehjournalist sucht eine Grenze auf, hebt den rechten Fuß und sagt: "Wenn ich einen Schritt mache, bin ich woanders, oder ich sterbe." Es ist das ewig aktuelle Thema der Grenzen, das Angelopoulos hier in immer neuen Facetten variiert. Wie ein griechischer Chor kommentiert sein Reporter die Flüchtlingsleichen im Hafen von Piräus, die ausrangierten Eisenbahnwaggons, in denen Asylantenfamilien hausen, die Hochzeit, bei der das Paar nicht nur durch einen Fluss getrennt ist. Er begegnet Menschen, die in Bewegung sind, ohne irgendwo anzukommen. Anke Leweke

Theo Angelopoulos: Der schwebende Schritt des Storches
(Trigon)

Der Sargnagel

Sein Name ist Django, und das einzig Sympathische an ihm ist die Tatsache, dass er bereit ist, sich mit allen (aber wirklich allen!) anzulegen. In Sergio Corbuccis 1966 entstandenem Italowestern Django spielt Franco Nero den kaputten, wortkargen, zerlumpten Revolverhelden, der einen Sarg hinter sich herschleift. Ein darin verborgenes Maschinengewehr wird ihm fürchterliche Dienste erweisen. Der Regisseur und linke Soziologe Sergio Corbucci lässt seinen Helden durch ein verkommenes Amerika ziehen und gegen mexikanische Banditen und rassistische Südstaatler kämpfen. Auch wenn Corbuccis in dramatischen Großaufnahmen gefilmter Western nun mit Django – Der Rächer und Django – Die Rückkehr in ein und dieselbe DVD-Box gequetscht wird – es gibt nur einen echten, großen Django-Film, nämlich diesen, der auch zum Vorbild für Quentin Tarantinos Neuverfilmung wurde. Katja Nicodemus

Sergio Corbucci: Django
(Studiocanal)

Flieg, Käfer, flieg

"Wenn man so klein ist, spürt man’s noch nicht", heißt es in René Cléments Verbotene Spiele einmal. Frühsommer 1940. Die fünfjährige Paulette, vermutlich jüdisch und aus gutem Haus, hat auf der Flucht aus Paris ihre Eltern im Feuer der deutschen Tiefflieger verloren und ist von dem Bauernjungen Michel aufgesammelt worden. Auf dem Land, bei Michels Familie, scheint der Krieg fern, aber der Tod ist überall. Die Kinder gehen auf eigene Art damit um. Rund um den Kadaver von Paulettes Schoßhund legen sie einen Friedhof der Kuscheltiere an: geisterhaft und voller Liebe. Das eigentlich verbotene Spiel, hat der Regisseur über seinen preisgekrönten Film von 1952 gesagt, sei der Krieg. In dramatischem Schwarz-Weiß entwirft Clément ein Stillleben mit Kindern, Kreuzen, Käuzchen und Käfern, das noch heute beunruhigend wirkt. Vielleicht, weil man für die Erfahrung von Krieg und Tod nie zu klein oder groß ist. Sabine Horst

René Clément: Verbotene Spiele
(arthaus)