Aus Respekt vor dem Kunstwerk, das Helmut Berger, der einst schönste Mann der Welt, aus sich gemacht hat, sollte man von all den Geschichten, die über ihn im Umlauf sind, vielleicht nur denen glauben, die er selbst erzählt. Zum Beispiel seiner Erinnerung an ein Fest des Roten Kreuzes in Monte Carlo, zu dem der Schauspieler wie jedes Jahr auch 1971 als Ehrengast des örtlichen Fürstenpaars geladen war.

Die Anekdote findet sich in Bergers Lebensbeichte Ich in dem Kapitel Ich vernaschte den Lover von BB und litt beim Ball von Monte Carlo. Das viele Kokain hatte seinen Schließmuskel an diesem Abend auf verhängnisvolle Weise gelockert. Eingerahmt von den attraktivsten Frauen im Raum, wurde Berger klar, dass seine weiße Smokinghose nicht erlauben würde, die Aufforderungen zum Tanz anzunehmen, die er später tatsächlich von allen Seiten erhielt. Also empörte er sich lautstark über den schrecklichen Gestank, der vom Hafen bis in den Saal hinaufdringe, beim nächsten Mal solle der Ball doch bitte schön anderswo stattfinden. Während sich die anderen im Walzer wiegten, stand der Filmstar die ganze Nacht lang kein einziges Mal auf. "Bis vier Uhr", schreibt er, "saß ich auf meiner Scheiße."

Nun darf man diese Zeilen nicht als Protokoll einer Demütigung lesen. Und auch nicht als pure Geschmacklosigkeit. Sie künden – ganz im Gegenteil – vom Triumph der souveränen Pose über die Wirklichkeit. Und ebendies, die Überformung der schmutzigen Realität durch eine reine Idee, ist seit Barbey d’Aurevilly und Baudelaire die Lebenstechnik des Dandys. Der Dandy ist ein Metaphysiker. Sein einzig der narzisstischen Grandezza verpflichtetes Schönheitsstreben befähigt ihn zu einer Weltverachtung, die über den Stolz der Reichen und die Scham der Armen zugleich erhaben ist.

Nachdem man den mittellos gewordenen Oscar Wilde am Ende, und nur aus Respekt, im besten Zimmer des Pariser Hôtel d’Alsace gebettet hatte, sprach der Sterbende seine letzten Worte: "Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich."

Niemand hätte Wildes dem Alter trotzenden Dorian Gray so spielen können, wie Helmut Berger es 1970 getan hat. Als sich aber später herumsprach, dass er von wenigen Hundert Euro im Monat leben musste und zu seiner pflegebedürftigen Mutter nach Salzburg gezogen war – ausgerechnet er, der ehemalige Weltstar, der Lebensgefährte von Luchino Visconti, bekennende Bisexuelle, angebliche Liebhaber von Rudolf Nurejew, Ursula Andress, Liz Taylor, Bianca und Mick Jagger –, konnte das im deutschsprachigen Boulevard nur hämische Aufnahme finden.

Es wird ja hierzulande bekanntermaßen das Natürliche dem Künstlichen und das Herzliche dem Frivolen vorgezogen und Eleganz als Manierismus verabscheut. Durch betrunkene Fernsehauftritte hat Berger den Ruf des gefallenen Stars lebendig gehalten. Seine Geschichte ist aber keine Geschichte von Aufstieg und Fall. Es ist eine Geschichte der Unbeirrbarkeit.

Gleich zwei Mal lässt sich Berger, der radikale Dandy, nun wieder besichtigen. Ein soeben erschienener Bildband (Helmut Berger. Ein Leben in Bildern; Schwarzkopf & Schwarzkopf, 99,95 €) dokumentiert im XL-Format, warum ihn die Vogue einmal zum schönsten Mann des Universums erklärte. Das Buch präsentiert den Klassiker, denn die meisten dort enthaltenen Filmbilder, Aktfotos und privaten Schnappschüsse sind mehr als zwanzig Jahre alt. Die geschürzten Lippen, der umwölkte Blick: Nie wirkt es so, als wolle sich der Schauspieler eine andere Rolle anverwandeln als die eigene.

Die zweite Gelegenheit: Am Freitag zieht der heute 68-Jährige ins Dschungelcamp. Er wird es dort mit dem Kaufhauserpresser Dagobert und der Mutter des It-Girls Daniela Katzenberger zu tun haben. Weil Berger weiß, dass er dann wieder in der Scheiße sitzen wird, hat er schon einmal angekündigt, nur Französisch und Italienisch zu sprechen. Ganz klar: Entweder es geht die scheußliche Tapete – oder er.