Zweihundert Jahre ist sie jetzt alt, die Märchensammlung der Brüder Grimm. So war nun von ihnen die Rede; unter anderem beklagte die Ministerin und junge Mutter Kristina Schröder in der ZEIT, wie "sexistisch" diese Märchen seien, und erklärte, dass sie ihrer Tochter daher nur "dosiert" daraus vorlesen würde. Vielleicht können jetzt Senta Berger und Hannelore Elsner die Bundesministerin etwas beruhigen. Diese Star-Märchentanten haben zwei Hörbücher mit ihren Lieblingsmärchen eingelesen, die den ganzen Reichtum der Grimmschen Sammlung zeigen – für jung und alt, so wie es sich die Brüder einst gedacht haben (Senta Berger: Meine Lieblingsmärchen der Brüder Grimm sowie Hannelore Elsner: Meine liebsten Märchen der Brüder Grimm, jeweils Deutsche Grammophon, Berlin 2012, je 2 CDs/150 Minuten, je 10,– €). Beide Schauspielerinnen lesen mit sichtlichem Vergnügen; und die Dosierungsfrage stellt sich in anderer Weise als bei Frau Schröder, denn von Schneewittchen, Rapunzel, dem Froschkönig und all den anderen will da selbst der Märchenmuffel immer wieder hören.

Auch Günter Grass kann von den Grimms seit längerer Zeit nicht genug kriegen; 2010 veröffentlichte er Grimms Wörter, seine Annäherung an die Brüder und deren große Lebensleistung für die deutsche Sprache. Nun, pünktlich zum Jubiläum, kann man beides ineinander verwoben hören: die Grasssche Anverwandlung dieses zwillingshaften Gelehrtenlebens, gesprochen vom immer noch eindrucksvollen Vorleser Grass, sowie bekannte Märchen, vorgetragen vom "Stimmklassiker" Christian Brückner und von Ulrike Hübschmann (Grass trifft Grimm, 4CDs, 267 Minuten; GoyaLiT, Hamburg 2012, 23,– €).

Eine echte Sensation war 2012 die Veröffentlichung von 101 Nacht als edler Prachtband im Manesse Verlag. Die Orientalistin Claudia Ott hatte vor einiger Zeit die wahre Bedeutung einer mittelalterlichen Handschrift erkannt, als eine wichtige, bis dahin unbekannte Geschichtensammlung in Parallele zum orientalischen "Tausendundeine Nacht"-Zyklus, der berühmtesten Märchensammlung der Welt; Claudia Ott übersetzte diese daraufhin erstmals aus dem Arabischen ins Deutsche. Jetzt kann man dieses von mündlicher Überlieferung geprägte Werk auch hören, eingesprochen unter anderem von Jasmin Tabatabai und durch andalusische wie auch persische Klänge ergänzt, die wiederum unter anderem Claudia Ott auf der orientalischen Rohrflöte erzeugt. Eine faszinierende Aufnahme, weil hier eine vermeintlich ferne kulturelle Tradition plötzlich so nah an unserer Erzähltradition erscheint.

Entdeckungen kann man ebenfalls in den christlichen Geschichten machen: Der große Legendenschatz (4CDs, 317 Minuten; Der Hörverlag, München 2012, 25,– €) präsentiert das Leben von 34 Heiligen, von Paulus und Petrus bis zu Franz von Assisi. Nacherzählt werden sie unter anderem von Gert Heidenreich und dem wie immer hinreißenden Stimm-Nestor Rolf Boysen. Versuchungen und Glaubensstärke, Witz und Ironie, heiliger Ernst und wilde Bestien werden reichlich geboten; Gebet und Abenteuer ergeben tatsächlich eine besonders märchenhafte Mischung.