Die Muslimbrüder waren in Ägypten lange verboten. Sie galten als staatsfeindliche Organisation. Doch dann kam die Revolution, und es zeichnete sich schnell ab, dass die Brüder am Nil regieren würden. Viele westliche Politiker bemühen sich seither um gute Beziehungen. Statt von radikalen Islamisten ist nunmehr von moderaten islamischen Kräften die Rede. Aber sind sie demokratiefähig? Der Konflikt um die Verfassung hat das Bild wieder verändert. Misstrauisch schaut der Westen nun auf den Machtdrang der Muslimbrüder. Von einem neuen Faschismus ist die Rede. Wer sind sie wirklich? Was glauben sie? Der Politologe Usama Nur al-Din, 36, ist Experte für die Geschichte der Bruderschaft und bestimmt ihre politische Ideologie mit.

DIE ZEIT: Herr Nur al-Din, woran glauben die Muslimbrüder?

Usama Nur al-Din: Wir stehen für einen Islam der Mitte. Mit Bildung und Überzeugungsarbeit wollen wir das richtige Verständnis unserer Religion verbreiten. Es gibt eine Arbeitsteilung: Die Bruderschaft mit ihren Zellen im ganzen Land kümmert sich um die gesellschaftliche Arbeit und die Verbreitung des Wissens. Die Partei kümmert sich ausschließlich um Politik. Unser gemeinsames Ziel ist eine islamische Gesellschaft. Sie entsteht dadurch, dass die Menschen auf den rechten Weg geführt und zugleich die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir machen nichts, was die Menschen nicht wollen: Wir helfen ihnen allerdings, das Richtige zu wollen.

ZEIT: Und welchen Islam sollen die Menschen wollen?

Nur al-Din: Wir sind in der Mitte aus Prinzip. Aber derzeit sind wir in der Mitte zwischen Radikalität und Verwässerung. Zwischen denen, die einen engstirnigen oder aggressiven Islam predigen, und denen, die den Islam nur als ein bisschen Beten und Fasten verstehen.

ZEIT: Woher wissen die Muslimbrüder, was der richtige Weg ist?

Nur al-Din: Wir sagen unseren Mitgliedern nicht konkret, was richtig und falsch ist. Sie werden nur ausgebildet, selber zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Am Ende steht ja jeder alleine vor Gott und muss sich für seine Taten verantworten. Wir geben ihm nur das Handwerkszeug mit.

ZEIT: Was die Kleidung angeht, scheinen dann alle zu sehr ähnlichen Schlüssen zu kommen. Viele Frauen tragen ein großes pastellfarbenes Kopftuch und die Männer einen fein gestutzten Bart. Was macht sonst die Muslimbruderschaft aus?

Nur al-Din: Wir Muslimbrüder sind da, wo unsere Mitmenschen sind. Wir helfen, wo immer wir können. Indem wir helfen, überzeugen wir andere von unserem Weg.

ZEIT: Tun Sie das nur, damit Gott Sie dafür belohnt? Oder haben Sie nicht doch das ganz praktische Ziel, einen islamischen Staat zu errichten?

Nur al-Din: Wir wollen, dass alle Menschen den Islam so lieben wie wir. Wir wollen die Grundlage für eine gute Gesellschaft legen, die dem Islam folgt und in der es Radikalismus, Terrorismus und Drogensucht nicht gibt – und auch keine Leute, die den Islam falsch verstehen. So erfüllen wir Gottes Willen und können auf sein Wohlgefallen hoffen.