Unsäglich der Nachgeschmack am Morgen: wieder einmal von der Arbeit geträumt. Kaum verflogen sind die gehetzten, absurden, grotesk verzerrten Traumbilder von Sitzungen, Kollegen und Deadlines, schon geht es direkt wieder an den Ort des Schreckens: ins Büro. Und nun auch noch das: Kunst in Form eines Aktenordners, des Symbols für tristen Arbeitsalltag und kafkaeske Bürokratiewelten. Wohl eher ein Albtraum- als ein Traumstück? Dieser Ordner ist anders! Mit dem Leitz-Abhefter des Kasseler Künstlers Victor Bonato könnte das gesamte Bürojahr 2013 gerettet werden! Wunderbar unauffällig schmuggelt sich das Stück Kunst, unter den Arm geklemmt, als "embedded art" wie von selbst in die graue Welt der Büroutensilien. Doch anders als die Palmenstrandbilder über dem Schreibtisch, die Familienfotos neben der Telefonliste ist dieses Werk nichts, womit man sich wegträumt, zum ewig besseren Anderswo. Es führt uns hin, ins Hier und Jetzt. Ausblick = Einblick (1987), das bei Hargesheimer & Günther versteigert werden wollte, aber bislang keinen Käufer fand, hält uns den Spiegel vor. Im Inneren ist dieser Spiegel fixiert, eine einfache Fläche, auf der wir uns selbst betrachten können. "Möchte ich so sein? Will ich so leben?", fragt der Blick. Aber auch, und das ist die tröstlichste aller Fragen: "Ist es wirklich so schlimm?" Die Antwort lautet Nein. Mit Bonatos Ordner werden wir das endlich verstehen. Denn dies ist das Kunstwerk, mit dem man die Sorgen nicht nur an- und damit auslachen kann. Man kann sie endlich ablegen. In den Schrank, nach ganz hinten. Bis sie verstaubt sind.