Es geht um das Land, das wir wollen. In zwei Monaten entscheidet das Volk über das neue Raumplanungsgesetz – also darüber, ob die Zersiedelung ähnlich weitergehen darf wie bisher. Zugleich befinden wir über einen Familienartikel in der Verfassung: Es ist ein Paragraph, der Teile unseres Alltagslebens neu bestimmen will und der – so die Befürchtung der Gegner – dem Sozialstaat ein völlig neues Gewicht verleihen könnte.

Aber das scheint alles egal. Von den Themen, die am 3. März zur Abstimmung stehen, gibt nur eines zu reden in der Öffentlichkeit – die Volksinitiative "Gegen die Abzockerei", von den Gegnern auch "Minder-Initiative" genannt. Schon seit Wochen warnen Plakate vor dem Anliegen des Schaffhauser Solo-Politikers Thomas Minder. Und schon Mitte Dezember fuhr der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ein juristisches Gutachten auf, erarbeitet vom Staranwalt Peter Nobel, das Gegenargumente auflistete. Ein SVP-Unternehmerkomitee trat gegen die Initiative an. Und dann wagten sich die Werber gegen Minder sogar in schlammige Untiefen, indem sie Studenten anheuerten, in Onlineforen anonyme Kommentare zu verfassen.

Thomas Minders Versuch, die Managerlöhne via Verfassung unter Kontrolle zu kriegen, hatte schon im Parlament einen epischen Streit verursacht. Fünf Jahre lang wurde die Sache gedreht und gewendet, und am Ende stimmten National- und Ständerat fast en bloc einem indirekten Gegenvorschlag zu: mit 234 Stimmen gegen eine – jene von Ständerat Minder. Der Mundwasserfabrikant genießt andererseits viel Sympathie, in allen Umfragen sagten rund drei von vier Schweizern Ja zu seiner "Abzocker-Initiative".

Dass der Kampf gegen den Einzelkämpfer früh und heftig geführt wird, hat also Sinn. "Es deutet darauf hin, dass man der Initiative große Chancen zuspricht", sagt Thomas Milic. Der Politologe und Dozent an der Universität Zürich forscht übers Abstimmungsverhalten in der Schweiz, und er kennt die Regeln: Etwa fünf Wochen vor dem Urnengang werden die Unterlagen verschickt, und die Leute beginnen sich ernsthaft mit einer Initiative zu beschäftigen – erst dann, so Milic, "macht es Sinn, in die heiße Phase eines Abstimmungskampfes einzutreten". Für Ursula Fraefel ist der Zeitlauf der Kampagne normal: "Wir starten ein neues Thema üblicherweise nach dem letzten Abstimmungssonntag", sagt die Kampagnenleiterin von Economiesuisse; sie ergänzt aber auch: "Das Thema ist diesmal komplex. Man muss erstens erläutern, weshalb die Initiative schädlich wirkt, und dann darlegen, dass es einen Gegenvorschlag gibt, der viele Anliegen von Minder aufnimmt. Das braucht Zeit."

Die Wirtschaft und ihr Dachverband erachten die Initiative als sehr gefährlich. Offiziell investiert Economiesuisse fünf bis acht Millionen Franken in Plakate und Inserate – ein Engagement am oberen Budgetrand. "Die Größe einer Kampagne steht immer im Verhältnis zur Bedeutung, die eine Frage für die Wirtschaft hat", sagt Fraefel.

Die Acht-Millionen-Frage lautet also: Warum hat die Wirtschaft Angst vor Thomas Minder? Er will goldene Handschläge und goldene Fallschirme für Manager verbieten (allerdings nur bei börsenkotierten Unternehmen); er will, dass die Generalversammlung über die Managementvergütung abstimmt (allerdings nur summarisch); er will, dass sich Verwaltungsräte jährlich neu zur Wahl stellen; er will, dass Pensionskassen ihr Stimmrecht wahrnehmen, während zugleich das Depotstimmrecht entfällt. Man kann von diesem Programm halten, was man will: Revolutionär ist es nicht. Eher erscheint es als Versuch, der lahmen Aktionärsdemokratie etwas auf die Hinterbeine zu helfen. Entsprechend frotzelte die linke Wochenzeitung, dass Minders Initiative ein "Kernprinzip des Kapitalismus" auf die Spitze treibe: "Das Kapital befiehlt".

Einige Anliegen Minders sind anderswo bereits umgesetzt. So muss in Frankreich die Generalversammlung die Summe der Verwaltungsrats-Honorare bewilligen, in Großbritannien und Australien ist eine Konsultativabstimmung über die Entschädigung Pflicht, in Schweden und den Niederlanden entscheiden die Aktionäre über die Lohnpolitik.

Minders Initiative allerdings gehe "in der Summe sehr weit", sagt Ursula Fraefel von Economiesuisse, "und das macht sie so schädlich für die Schweizer Unternehmen." Der Verfassungstext regelt zwei Dutzend Punkte, und vor allem will er strenge strafrechtliche Sanktionen einführen. Das wäre in der Tat einmalig. Doch ob es einen ausländischen Topmanager davon abschrecken würde, einen Schweizer Arbeitsvertrag zu unterzeichnen? Die Lösungen im Ausland, eingeführt in den nuller Jahren, berührten die Konkurrenzfähigkeit jener Staaten jedenfalls kaum spürbar – eher wurde damit klar, wie wenig solche staatlichen Regelungen gegen die Manager-Selbstbedienung bewirken.

Warum also die Aufregung? Die Initiative "Gegen die Abzockerei" ist ein Anfang. "Ich denke, Symbolik ist hier wichtig", sagt Claudio Kuster, einer der Mitinitianten: "Das Fanal soll im Keim erstickt werden." Tatsächlich warten bereits andere Vorlagen, welche die Macht innerhalb der Firmen verschieben wollen – so die "1:12-Initiative", so die Mindestlohn-Initiative. Es sind Vorstöße, welche die Lohnstrukturen der neoliberalen Jahre infrage stellen, und zwar umfassender, als es der erzbürgerliche Minder will.

Der Mann aus Schaffhausen ist heute ein Solotänzer auf dem Politparkett. Gefährlich würde er, wenn er sich als Trendsetter entpuppte.