Wir wissen mittlerweile viel zu viel, um einen Roman schreiben zu können. Robert Musil ist daran gescheitert, alles Weltwissen und alle Bewusstseinssprünge in einen literarischen Kosmos überführen zu wollen, und Roger Willemsen hat nicht umsonst über Robert Musil gearbeitet. Zielstrebig ist er nach den ersten literaturwissenschaftlichen Exerzitien in die zeitgenössischen Medien abgetaucht, hat in das Genre der Fernseh-Talkshow aktuelle Theoriegerüste eingezogen und die virtuellen und visuellen Möglichkeiten auszukosten versucht, aber einen Roman hat er nie geschrieben.

Wenn man genauer hinsieht, hat Willemsen, übrigens auch Autor des ZEIT-Magazins, sich aber langsam herangearbeitet: Er hörte, kurz bevor der Höhepunkt bevorzustehen schien, mit dem Fernsehen auf und verlegte sich wieder auf Texte, auf die altüberlieferte Form der Schriftlichkeit, und in seinen Büchern schwang immer die Sehnsucht nach etwas anderem mit. Er versuchte, nicht dort anzusetzen, wo Musil aufgehört hatte, aber er startete augenzwinkernd eine Parallelaktion. Willemsen nahm die modernen Medien, die neuen Vernetzungen und elektronischen Verselbstständigungen in seine Texte mit hinein und reiste dafür bis an die Enden der Welt. Die Verknüpfungen wurden immer enger, die Orte glichen sich trotz exotischer Entfernungen immer weiter an, und irgendwann landete er an jenem imaginären Punkt, an dem die Literatur unausweichlich wird. Denn das Hin- und Herschalten zwischen Famagusta, dem Strand von Jurmela oder dem Sonnenuntergang von Chabarowsk, so realistisch die einzelnen Momentaufnahmen sind, nähert sich unweigerlich dem Fantastischen.

Willemsens neuestes Buch Momentum ist deswegen ein Experiment, weil der Autor hier als versierter Diskursjongleur seine Konsequenzen zieht. Es trägt keine Gattungsbezeichnung, es ist kein Reisebuch und kein Reportageband, aber es verweigert sich auch einer Einordnung ins Fiktive. In die Falle, sich einen Roman zu nennen, möchte dieses Buch nicht tappen – obwohl es mit der Geburt beginnt und mit dem Sterben endet, obwohl es aus vielen sich autobiografisch verkleidenden Passagen besteht und einen unverkennbaren erzählerischen Duktus hat. Durch viele erschöpfende Gattungs- und Genre-Problematisierungen gewitzt, lässt Willemsen alles Theoretische weg und schreibt erst einmal auf: Augenblicke, Assoziationsknäuel, Beobachtungen. Ein Zusammenhang ergibt sich durch den frei fluktuierenden lateinischen Titel Momentum ("Dauer einer Bewegung"). Es gibt keine Handlung, sondern einzelne Momente, und es entsteht ein Textmosaik, das auf Erklärungen verzichtet – ein literarisches Verfahren, das keine Fiktionalisierung mehr braucht.

Die einzelnen Stücke sind manchmal nur drei, vier Zeilen lang, manchmal erstrecken sie sich auch über zwei oder drei Seiten. Sie sind unverbunden, nur an einigen auffälligen Stellen erkennt man Bezüge zu anderen Passagen. Es beginnt mit kindlichen, ja frühkindlichen Erfahrungen, kleinen Erinnerungsfetzen, die als stehen gebliebene Bilder irisierend leuchten. Die Szenen verdichten sich und scheinen in einen surrealen Raum hinüberzuwechseln. Der Dorfpolizist befragt bei einer Ermittlung einmal die Mutter des Erzählers, sie gibt Auskunft, und er lobt sie zwischendurch für ihre "dichten Haare". Da sagt sie den "wunderlichen" Satz: "Ach, früher sind in meinem Haar die Kämme zerbrochen", und der Erzähler fügt an: "Er schaut sie an, und auf dem Grund seiner Augen sind wie auf dem Meeresboden Flecken."

Die kleinen Prosastücke des Buches wollen wie ein Prisma wirken, der Lichteinfall wird gebrochen und in unabsehbare Richtungen und Räume weitergeleitet; die Erlebnisse werden nicht unmittelbar wiedergegeben, sondern bearbeitet und manchmal sogar künstlich beatmet. Die Szenen gehen dabei unmerklich über in ein mehr oder weniger klar definiertes Erwachsenendasein, der größte Teil des Bandes notiert eher zeit- und alterslose Momente. Wahrnehmungen auf Reisen spielen eine große Rolle, aber auch Paarbeziehungen und abgelauschte oder erinnerte Liebesdialoge, die eine spezifische Ortlosigkeit haben. Gegen Ende des Buches nimmt man eine locker gefügte Komposition wahr: der Kreis schließt sich, das Altern nimmt einen immer größeren Raum ein, "Nachtportiers" treten auf als "aussortierte Lebemänner", und sanft sind detaillierte Beobachtungen des Jahreszeitenwechsels hineinverwoben.

Willemsen beschwört einmal den "Geist der Traumsachlichkeit", da werden die "Figuren im Raum verteilt wie auf einem Spielbrett", und es mischt sich ein genauer Blick, der bis ins Hyperrealistische an die Gesichtsfurchen und Schmerzstellen heranzoomt, mit einem Duktus der Beschreibung, der oft sehr stilisiert und gesucht wirkt. Meistens sind es Mann-Frau-Konstellationen, die von einer Sehnsucht nach Nähe gezeichnet sind, von der sie wissen, dass sie nie hergestellt werden kann. Der Blick des Wahrnehmenden changiert zwischen Mitleidlosigkeit und einer Lust am Phänomenologischen.