Wer die Alchemie der Wirtschaft nicht versteht, so lautet die Botschaft von Goethes Faust, kann die ungeheuerliche Dimension der modernen Wirtschaft nicht erfassen." Mit diesem Satz unterstrich Hans Christoph Binswanger, der große Vordenker nachhaltigen Wirtschaftens, die Möglichkeit, ökonomische Phänomene aus der Literatur heraus zu begreifen. Die These, dass literarische Geschichten "wichtige Informationen für die Wirtschaft enthalten", ist auch Leitgedanke des Essays Mensch und Markt. Warum wir den Wettbewerb fürchten und ihn trotzdem brauchen der Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter.

Richters Vorgehensweise, die Ökonomie außerhalb reiner Ökonomik zu erklären, hat an den führenden wirtschaftswissenschaftlichen Departments weltweit Konjunktur, etwa in den Diskussionen zu Wirtschaftswachstum und Moral des Harvard-Ökonomen Benjamin Friedman oder in den Erörterungen von Deirdre McCloskey aus Chicago, die in den bürgerlichen Tugenden die Prämissen moderner Volkswirtschaften erkennt. Indem Sandra Richter in Mensch und Markt die Literaturwissenschaften als weiteres Analyseinstrument der Ökonomie anführt, spiegelt sie einen Zeitgeist wider, der auch in den Arbeiten ihres Berliner Kollegen Joseph Vogl zum Ausdruck kommt. In ihrem Buch will sie "Stärken und Schwächen wettbewerblicher Konstellationen vor allem am Beispiel literarischer Texte ausloten und von dort mit systematisierendem Anspruch auf Ökonomie und Ethik blicken".

Das ist kein bescheidenes Ziel. Dessen Vorgabe ist aber interessant. Richter konstruiert ihren Essay als Dialog zwischen literarischen Texten und wirtschaftswissenschaftlichen Positionen von der Antike bis zur Gegenwart. Dieser über epochale und disziplinäre Grenzen greifende Ansatz lässt sich auch als Mahnbrief an die eigene Disziplin lesen: Richter erinnert daran, dass die Literaturwissenschaft sich eben nicht darauf zurückziehen kann, in Adam Smiths Wealth of Nations nur die Verwendungshäufigkeit der "invisible hand" -Metapher (1) mit der anderer Begriffe wie "herring" (44) oder "wool" (65) zu vergleichen, will sie in der Wirtschaftskrise Gehör finden.

Anstatt also Phrasen zu zählen, durchreitet Richter in Mensch und Markt mehr als 2000 Jahre Literaturgeschichte. Hierbei lässt sie Autoren verschiedener Sprach- und Kulturräume von Aristoteles und Jane Austen bis zu Julie Zeh und Émile Zola zu Wort kommen. Die Anzahl der dabei durchstreiften Genres und Gattungen reicht vom Drama über das Heldenepos bis hin zu Hip-Hop, Industrieroman, Novelle und politischer Karikatur. Der Umfang dieses literarischen Wissens ist beeindruckend, der globale Ansatz von Mensch und Markt fordert jedoch seinen Preis. Denn bei dem von Richter vorgelegten Tempo sind Leerstellen unausweichlich. Überraschenderweise vermisst man ausgerechnet Daniel Defoe, dessen Texte doch eigentlich zu den intellektuellen Ausgangspunkten der modernen Ökonomik im 18. Jahrhundert gehören. Unterstützung aus der eigenen und aus benachbarten Disziplinen hätte Richter zudem in Walter Benjamins Überlegungen zum Kapitalismus als Religion, Silke Stratmanns literaturhistorischer Analyse der South Sea Bubble oder Samuel Webers Gedanken zu Kredit und Krise erhalten. Unscharf ist auch das von Richter entworfene Bild der Wirtschaftswissenschaften als einer "ausschließlich zahlen- und faktenorientierten" Disziplin. Denn so übergeht sie nicht nur die literaturgestützten Arbeiten Binswangers, sondern vernachlässigt auch die zunehmende Bedeutung psychologischer Erkenntnismethoden und Einsichten in ökonomischer Forschung und Lehre.

Gleichwohl: Liest man Mensch und Markt nicht als in sich geschlossenen Dialog, sondern als beachtlichen Katalog literaturhistorischer und -analytischer "Tweets", so findet man eine Fülle kluger Querverweise, welche unser Verständnis für die Wirtschaft als kulturell eingebetteten Apparat schärfen. Sandra Richter gelingt es, in der Literatur jene Annahmen, Abstraktionsfähigkeiten und Zielvorstellungen der Menschen abzulesen, auf denen der ökonomische Apparat aufbaut. Und selbst wenn Literatur mehr und anderes ist als das – nach der Lektüre von Mensch und Markt kann man, frei nach Bill Clinton, allemal festhalten: "It’s the literature, stupid!"