Warum hat Sigmar Gabriel so lange gewartet, diese Geschichte einmal öffentlich zu erzählen? Immerhin, und das ist für einen Politiker keine Nebensache, war sein Vater ein Nazi, nicht bloß im Krieg, er war es bis zuletzt. Und er war es privat, als Ehemann und als Vater.

Sigmar Gabriel, der Politiker und Sozialdemokrat, ist ohne diese Seite seiner Biografie nicht ganz zu verstehen, und vielleicht haben die schlechten persönlichen Umfragewerte, hat auch sein Image als Siggi Pop, als der Unstete und Unseriöse, damit zu tun, dass die Öffentlichkeit und die Leute diesen Mann nicht richtig entziffern können. Nicht zuletzt ist Gabriels Leben nicht nur gezeichnet von einer schweren Kindheit und einem in Wut erstarrten Vater, es handelt auch vom Überleben, wieder und wieder von Rettungen, von der Treue zu seiner Mutter und von politischen Überzeugungen, die tief in seiner Biografie wurzeln.

Dabei hätte es für Sigmar Gabriel konkrete Anlässe gegeben, sich zu erklären. Denn sein Vater, Walter Gabriel, ging vor zwei Jahren selbst an die Öffentlichkeit. In einer rechtsradikalen Zeitung erschien eine Homestory über ihn – mit dieser Botschaft: Liebenswerter, kranker Vater wird von kaltherzigem Sohn im Stich gelassen. Nebst ergreifendem Foto. Kurz darauf vermeldete die Hamburger Morgenpost: "Gabriel lässt todkranken Vater allein." Sigmar Gabriel hat sich nicht gewehrt. Er blieb zu diesem Thema wortkarg. Dachte er, dass eine Biografie, die auch von seinen Wunden erzählt, in der Öffentlichkeit hämisch aufgenommen würde? Fürchtete er, dass die politischen Auswirkungen unkontrollierbar wären? Andererseits: Zu schweigen bleibt auch nicht ohne Wirkung. Ein enger Freund sagt heute: "Die Geschichte hat einfach gefehlt."

Der fast Neunzigjährige will nachweisen, dass seine Tochter nicht von ihm sei

Am 12. Juni vergangenen Jahres starb Walter Gabriel und hinterließ seinem Sohn einen ganzen Keller voll mit Akten, Karteikästen, Vertriebenenpostillen, rechtsextremen Zeitschriften und revisionistischen Büchern. Aber auch voller Briefe, in denen er seine geschiedene Ehefrau, Sigmars Mutter, beschimpfte; dazu Dokumente über die Scheidung, über Unterhaltsforderungen und über den endlosen Sorgerechtsstreit um den kleinen Sigmar. All das traf den heute 53 Jahre alten Mann mit Wucht. Jetzt beginnt er, zu erzählen und etwas von seiner Vergangenheit zu zeigen.

"Gabriel, Sigmar", steht oben links auf einer DIN-A5-Karteikarte; es folgt die Adresse, darunter, fein säuberlich, eine Liste von Pamphleten, die der Vater dem Sohn im Laufe der Jahre geschickt hat. Wir sitzen in einem Magdeburger Restaurant, und Sigmar Gabriel liest vor, was sein Vater da eingetragen hat: "Sterben die Deutschen aus?", "Keine Gaskammern/Holocaust-Legende", "Wer ist Bonhoeffer wirklich?" und so fort. Er hat auch ein 400 Seiten starkes Buch aus dem Keller seines Vaters mitgebracht, Der Auschwitz-Mythos. Schlägt man es auf, entdeckt man unzählige akkurat mit dem Lineal gezogene Unterstreichungen. Hatte der Vater viele solcher Bücher? Hunderte, sagt Gabriel, und alle sind durchgearbeitet.

Draußen steht sein Dienstwagen, im Kofferraum die Kiste mit den Karteikarten, aus der auch die mit "Gabriel, Sigmar" stammt. Die Kiste ist etwa einen Meter lang, es müssen an die zweitausend Karten sein. Alles Menschen, die Walter Gabriel mit rechtsradikalem Gedankengut bombardiert hat. Auch Klaus-Uwe Benneter, der ehemalige Juso-Chef, war ein Adressat.

Das nächste Treffen findet bei Gabriel zu Hause statt. Er wohnt mit seiner Frau Anke und der kleinen Tochter Marie in einem bescheidenen Haus am Rande seiner Heimatstadt Goslar: kleiner Garten, Blick auf den Harz. Auch hier geht es wieder in den Keller. Da stehen einige Pappkartons mit Akten und losen Zeitschriften des Vaters. Wieder finden sich auf jeder Zeitungsseite die Unterstreichungen, und wenn man alles zusammennimmt – die aufwendige Lektüre, die unzähligen Briefe und Flugblätter, die Walter Gabriel in alle Welt verschickt hat –, dann ergibt sich das Bild eines Mannes, der in den dreißig Jahren nach seiner Pensionierung als Beamter und Staatsdiener ein Fulltime-Nazi war. Ein Bürokrat der eigenen Rache, ein Vertriebener, der nie in einem Zuhause ankam.

 

Aber Walter Gabriel kämpfte noch an einer zweiten Front – gegen seine Familie. Er bekriegte Gabriels Mutter, seine Schwester und Sigmar selbst. Bis zuletzt wollte er recht behalten, der Mutter die Schuld an der Trennung zuschieben. Er wehrte sich mit allen Mitteln dagegen, für den Jungen Unterhalt zu zahlen. Und als vor ein paar Jahren die gesetzlichen Regelungen für Vaterschaftstests gelockert wurden, strengte der fast 90-Jährige die Durchsetzung eines DNA-Tests gegen die eigene Tochter an. Er wollte ein halbes Jahrhundert später nachweisen, dass seine Tochter nicht von ihm sei. Aber sie war es.

Walter Gabriel war ein Revisionist der deutschen Geschichte und der eigenen Familiengeschichte. Und nun sitzt sein Sohn auf all den papiernen Zeugnissen dieses Vaterlebens, das ihm so fern ist und doch all die Jahre auf ihn gewartet hat. Einen Teil der Akten hat er geschreddert, einen anderen an den Verfassungsschutz weitergereicht, und einiges steht eben in diesem Keller. Und einen ganz kleinen Teil, einen blauen Schnellhefter und ein paar Familienfotos, hat er jetzt heraufgeholt. Sie liegen auf dem Wohnzimmertisch. Eines der Fotos zeigt Walter Gabriel als jungen Mann, am Revers trägt er das Parteiabzeichen der NSDAP. Doch war er mit Jahrgang 1921 zu jung, um als Zivilist viel verbrochen haben zu können; als Soldat wiederum kam er wegen einer Kinderlähmung ohnehin nicht infrage.

Erst mit 18 Jahren hat Sigmar Gabriel erfahren, dass sein Vater ein Nazi gewesen war – und es geblieben ist. Da war Sigmar gerade bei der Bundeswehr. Der Vater bat ihn um einen Besuch, aber in Uniform bitte. Obwohl die beiden zu dem Zeitpunkt kaum noch Kontakt hatten, tat er dem Alten den Gefallen. Und entdeckte dabei im Bücherschrank einschlägige Literatur. Deshalb also die Uniform. Nach dieser Begegnung brach der Kontakt zwischen den beiden zwanzig Jahre lang ab. Nicht nur wegen der tiefen politischen Differenzen. Denn das Schlimmste war da längst geschehen. Und es hatte nichts mit Ideologie zu tun. Was war das, Herr Gabriel?

Was nun folgt, ist weniger ein Dialog als ein Selbstgespräch. Draußen dämmert es, auf dem Tisch wird der Tee in der Kanne kalt, Sigmar Gabriel sitzt ruhig in seinem Stuhl und erzählt.

Sigmar ist drei Jahre alt, als die Eltern sich trennen. Der Vater sagt, die Mutter könne die deutlich ältere Schwester gern behalten, der Sohn aber bleibe bei ihm. Ein sieben Jahre währender Sorgerechtsstreit beginnt. Während dieser Zeit lebt Sigmar gezwungenermaßen bei seinem Vater, die Mutter muss sich sogar das Besuchsrecht mit einem Sitzstreik im Gericht erkämpfen. Der Sohn wird immer wieder vom Familienrichter vernommen, von Kinderpsychologen befragt, zu wem er denn nun wolle. Gabriel sagt heute, dass die Antwort so klar war wie nichts sonst in seinem Leben: zur Mama. Aber er konnte es nicht sagen. Er brachte es einfach nicht über die Lippen.

Er bleibt also beim Vater und bei dessen Mutter. Sigmar Gabriel kann sich kaum daran erinnern, was in den sieben Jahren dieses Zusammenlebens geschah. Aber der Augenblick, in dem er, der Dreijährige, vor dem Haus steht und die drei Treppenstufen zur Haustür hochklettern soll und nicht will, ist ihm unvergesslich. Erinnern kann er sich auch noch an Strafen. Die Großmutter droht ihm regelmäßig: Wehe, wenn der Vater nach Hause kommt. Davor hatte Sigmar immer am meisten Angst, vor der Stunde dieser Rückkehr. Und tatsächlich bekam der Junge oft Prügel. Zehn Pfennig werden ihm von seinen fünfzig Pfennig Taschengeld abgezogen, wenn er die neue Frau des Vaters nicht "Mutti" nennt, eine Anrede, die doch ein Verrat an seiner leiblichen Mutter ist. Einmal kommt Sigmar mit einer unerwünschten Schulnote nach Hause. Zur Strafe sammelt der Vater alles Spielzeug des Jungen ein und verschenkt es an einen Kindergarten. Einzig einen Teddy hat er übersehen. Den Teddy, den Sigmars Mutter ihm auf dem Goslarer Schützenfest geschenkt hatte und mit dem er jeden Abend dafür betete, endlich zu ihr zu dürfen.

Als Schüler muss Sigmar Gabriel häufig nach der Schule aufs Amt kommen, da arbeitet sein Vater, dort muss er auf dessen Feierabend warten. Er soll keine Gelegenheit bekommen, zu seiner Mutter zu flüchten. Als die innerhalb Goslars umzieht, fährt Sigmar verzweifelt mit dem Fahrrad umher, um ihre neue Wohnung zu finden. Er findet sie nicht. An solche Ereignisse kann Sigmar Gabriel sich genau erinnern, nicht jedoch an Weihnachtsfeste, auch an keinen einzigen Geburtstag aus dieser Zeit. Und es waren sieben. Auch nicht an eine Berührung, außer beim Strafen. Weder von seinem Vater noch von der Oma. Sigmar ist, so jedenfalls hat er es im Gedächtnis, ein kleiner Gefangener in dieser herrischen, spießigen Welt seines Vaters.

1969 erhält die Mutter letztinstanzlich doch noch das Sorgerecht für Sigmar. Deshalb entführt der Vater seinen Sohn nach Ahrensburg, einer kleinen Stadt bei Hamburg, wo er mit seiner neuen Frau hingezogen ist. Er schult den Sohn dort sogar ein und zwingt ihn, von einer Telefonzelle aus die Mutter anzurufen und sie zu bitten, erst mal beim Vater bleiben zu dürfen. Die Mutter sagt Nein. Später, im Jahr 2005, fährt Sigmar Gabriel noch einmal nach Ahrensburg und sucht dort vergeblich ebendiese Telefonzelle, bis ihm einfällt, dass es im Handy-Zeitalter kaum noch Telefonzellen gibt.

 

Warum tut er das? Warum sucht er die Schauplätze seiner Kindheit, gerade die leidvollen, immer noch auf? Warum hat er sich jetzt monatelang mit den grausig-braunen Hinterlassenschaften seines Vaters befasst? Weil er hofft, dass sich etwas in ihm löse, sagt Gabriel.

Und, löst sich was? Nein.

Schließlich zieht Sigmar doch zu Mutter und Schwester; er ist dem Unglück entkommen, seine Gebete sind erhört worden. Und trotzdem macht er von da an seiner Mutter Kummer. Sieben Jahre hatte der Junge nur auf die Befreiung gewartet, um sie sich dann zu verderben. Der väterlichen Enge entflohen, explodiert der Zehnjährige förmlich: Er klaut, er zersticht Reifen und schießt mit einer Zwille auf Straßenlaternen. Seine Mutter reagiert mit Fürsorge: Akkordeonunterricht, Nachhilfe, ein Dackel. Der fremd gewordene Sohn bringt die Mutter in einen beinahe unlösbaren Konflikt: Leistet sie als Krankenschwester in der Klinik Schichtdienst, so kann sie Sigmars Unterricht zwar bezahlen, ihn aber nicht immer selbst beaufsichtigen. Macht sie normalen Dienst, dann reicht das Geld nicht.

Es half so oder so nicht viel. Zwei, drei Jahre dauerte diese Phase, die Sigmar Gabriel als eine große Selbstenttäuschung erlebt: "Sie hat mir das Leben gerettet, und dennoch sah ich sie oft weinen. Sie hatte lange um mich gekämpft, und nun hatte sie es so schwer mit mir. Bis heute empfinde ich dafür so etwas wie eine Schuld ihr gegenüber."

Als Erwachsener hat er versucht, alles wiedergutzumachen. Regelmäßig fuhr Sigmar Gabriel mit seiner Mutter im eigenen Auto in den Urlaub, bereiste mit ihr und einer Tante verschiedene europäische Städte. Sogar nach Verona hat er sie chauffiert, vier Stunden Aida, "das ist für einen Opernhasser die wahre Buße". Dankbarkeit ist, was er seiner Mutter gegenüber empfindet. Immer wieder: Dankbarkeit.

Mädchen und Politik, das war die Rettung – in dieser Reihenfolge

Erst mit der Pubertät, in der es bei anderen schlimm wird, kam die Wende, die zweite Rettung, wenn man so will. Vor dem Vater hatte ihn die Mutter bewahrt. Von seiner Wut befreiten ihn: Mädchen und Politik, in dieser Reihenfolge. Irgendwann, sagt er, "merkte ich, dass man Mädchen nicht nur an den Haaren ziehen kann". Von dem Moment an brauchte ihm niemand mehr zu sagen, wie man sich benimmt. Gleichzeitig probte er den politischen Widerstand gegen eine mitunter verknöcherte Lehrergeneration. 1976 kämpfte er gegen eine Veranstaltung der rechtsextremen Wiking-Jugend. Vor allem aber trat er am 22. Juni 1976 den Falken bei, einer Jugendorganisation der SPD, mehr die Zeltlagerfraktion, nicht die damals hochideologischen Jusos. Politisch war es lehrreich für ihn, praktisch war es obendrein: für 150 Mark drei Wochen nach Südfrankreich! Mit Politik! Und mit Mädchen! Besser konnte es nicht kommen. Sigmar Gabriel machte später sogar ein ordentliches Abitur, er, den man schon auf die Sonderschule hatte schicken wollen.

Was hat ihn letztlich gerettet?

Er kann es nicht sagen. Der Teddy, die Mutter, die Falken, die Mädchen? Alles zusammen wahrscheinlich. Und was heißt Rettung? Die sieben Vaterjahre sind vergangen, verschwunden sind sie nicht.

Was ist ihm geblieben aus der Kindheit? Da stoppt der Redefluss, Gabriel überlegt lange: "Übrig geblieben ist ein fast unbändiger Zorn. Wenn ich etwas als ungerecht empfinde, wenn Menschen Unrecht geschieht, kann ich mich richtig aufregen." Daneben gibt es seinen berüchtigten Jähzorn, den ihm sogar gute Freunde attestieren. Gabriel fürchtet manchmal, dass ein Stück vom Vater in ihm steckt. Er hat eine Eigenschaft, die Politiker sonst nicht haben wollen: Er misstraut sich selbst. Auf der anderen Seite ist er empfindsam, wie man es einem so bulligen Politiker nicht zutrauen mag. Wenn Freunde ernste Schwierigkeiten mit ihren Kindern haben, dann holen sie ihn.

Überhaupt: Freunde. Die Hälfte der Hochzeitsgäste im letzten Jahr hätte auch schon bei der Examensfeier dabei gewesen sein können, erzählt einer, der ihn seit 35 Jahren kennt. Mit seiner ersten Frau ist er bis heute eng befreundet, sie ist übrigens Deutschtürkin. Zur älteren Tochter, die er aus einer lang zurückliegenden kurzen Liebschaft hat, pflegt er eine intensive Beziehung, auch ihr Foto steht im Wohnzimmer der Gabriels. Sigmar Gabriel, der so lange nicht bei seiner Mutter leben durfte, trennt sich nicht gern von Menschen, jedenfalls nicht auf Dauer.

 

Traurigkeit, auch die ist ihm geblieben. Er lacht viel, scherzt, spottet, doch wenn er bei sich ist, wird Gabriel oft traurig. Er spürt, so sagt er, mitunter eine Sehnsucht nach Einsamkeit, nach jener Einsamkeit, die so schrecklich war, die aber zu ihm gehört. Es strengt es ihn an, vielsam zu sein: der Politiker, die öffentliche Person. Dass er es dennoch wurde, sogar mit Leidenschaft, zählt er selbst zu den großen Widersprüchen seines Lebens.

Als besonders anstrengend empfand er den Widerspruch zwischen dem zurückgezogenen Privatmann und dem munteren Politiker Sigmar Gabriel in der Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen von 1999 bis 2003. Er sei sich damals häufig wie ein Staatsschauspieler vorgekommen, sagt er. Vielleicht machte er auch deshalb viele Fehler, zum Beispiel den Wahlkampf, den er gegen Gerhard Schröders rot-grüne Regierung in Berlin betrieb. Es endete mit einer krachenden Niederlage. Und mit einer Lebenskrise. Monatelang war mit ihm nichts anzufangen, erzählt einer, der versuchte, ihm zu helfen.

Damals suchte Gabriel auch erstmals professionelle Hilfe. Ein Coach sagte ihm etwas, das seinen Blick auf sein Leben veränderte: "Sie haben alles erlebt, was man im Leben Schweres erleben kann. Sie haben es hinter sich, Sie haben es überlebt. Jetzt kann Ihnen nichts mehr passieren." Diese Erkenntnis hat ihn befreit, wenn auch nicht vor einer weiteren Krise bewahrt. Die durchlebte er 2005, es ging um einen Beratervertrag für VW, den er nicht hätte annehmen dürfen. Damals hing seine Karriere am seidenen Faden, er wurde krank, Lungenentzündung, Asthma, als Gegenmittel Cortison, das ihm eine Diabetes bescherte. Es war Franz Müntefering, der ihn damals unterstützt und später auch politisch gerettet hat, der Vorsitzende der SPD. Der glaubte an ihn und vertraute ihm 2005 das Umweltministerium in der Großen Koalition an. Weniger Talk, mehr Akten – Gabriel war glücklich. Das Thema interessierte ihn, und er durfte zeigen, dass er seriös arbeiten kann.

Zu der Zeit nahm Sigmar Gabriel wieder Kontakt zu seinem Vater auf. Er besuchte ihn mehrfach, um die Vergangenheit in Ordnung zu bringen, bevor es zu spät sein würde. Lass uns reden, schlug er dem Vater vor, über meine Kindheit, über deine Kindheit, meinetwegen auch über deine Vertreibung. Doch Walter Gabriel wollte über andere Dinge reden. Über seine rechten Rechthabereien und über die Wut auf Sigmars Mutter. Der junge Sigmar, das muss nachgetragen werden, ist in den achtziger Jahren einmal pro Jahr nach Auschwitz und Majdanek gefahren, um dort in den Gedenkstätten zu arbeiten. Er reparierte Dächer und führte Besucher durch die Anlagen, er hielt Diavorträge. Gabriel war und ist ein Antifaschist. Und dann sitzt er diesem Vater gegenüber, der den Judenmord herunterredet und vom Auschwitz-Mythos schwafelt. Wie lange kann ein solcher Dialog wohl dauern?

Dass er überhaupt mit ihm reden konnte, lag daran, dass Walter Gabriel zwar ein NS-Ideologe war, aber nicht selbst gemordet hat. "Sonst wäre kein Gespräch möglich gewesen." Auch so war der Versuch zu reden sinnlos. Walter, der Vater, konnte es nie länger als eine Minute unterlassen, den Sohn zu indoktrinieren, "Gabriel, Sigmar" eben. Dennoch sagt der Sohn: "Ich habe keinen Groll mehr gegen meinen Vater, ich bin nicht zornig, ich bin nicht wütend, und ich fühle mich nicht einmal mehr verletzt." Bei der Beerdigung ist er an den offenen Sarg getreten, um ein letztes Mal Abschied zu nehmen. Als er den toten Vater daliegen sah, dachte Gabriel: "Mein Gott, dein ganzes Leben hast du vergeudet."

Mit Verve wendet sich Gabriel gegen alles, was ihm rassistisch vorkommt

Vier lange Gespräche über sein Leben hatten wir in den vergangenen Monaten, in Berlin, Goslar und Magdeburg, zu Hause, im Büro, in Restaurants. Und immer wieder kreisten wir um die Frage, was dieses Vater-Sohn-Drama denn bedeutet für den heutigen Menschen Gabriel, für den Politiker Gabriel. Vorsicht mit schnellen Schlüssen. Der Coach hat dem übergewichtigen Gabriel einmal gesagt, er habe sich einen Panzer angefressen. Ist das so? Oder ist das nur eine Metapher, die nichts erklärt?

Eines lässt sich aber sagen: Sigmar Gabriel ist nicht einfach ein Linker geworden, weil sein Vater ein Nazi war. Das wusste er noch gar nicht, als es ihn zu den Falken zog. Nur den Geist, der zu Hause herrschte, muss er gespürt haben. Vielleicht war es auch die Atmosphäre der Freiheit, die er in der Jugendarbeit der Sozialdemokraten erlebt hat. Fest steht aber, dass er sich mit großer Verve gegen alles wendet, was ihm rassistisch oder faschistisch erscheint. Viele haben sich gewundert und es als eine der Gabrielschen Überspanntheiten ausgelegt, dass ausgerechnet er, der innerhalb der SPD nicht als dogmatischer Linker gilt, mit solcher Schärfe gegen die Thesen eines Thilo Sarrazin vorging. In der ZEIT vom 16. September 2010 warf er ihm Eugenik vor, aus der SPD wollte er ihn rausschmeißen. Dass Sarrazin heute noch Genosse ist, liegt gewiss nicht an Sigmar Gabriel, eher schon an der Generalsekretärin und ausgewiesenen Linken Andrea Nahles, die den Kompromiss mit ihm suchte.

Und sonst? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gabriels dramatischer Lebensgeschichte und seiner Politikerlaufbahn? Zwei Dinge sind es, die er nicht erklären kann. Zum einen seine miesen demoskopischen Werte, die persönliche Beliebtheit betreffend, sein Image als Zirkusdirektor. Dabei fühlt er sich ganz anders, glaubt klare Linien zu sehen, die sein politisches Leben durchziehen, findet eher zu große als zu geringe Ernsthaftigkeit in sich. Dass er sich nicht selbst zum Kanzlerkandidaten gemacht hat, sondern Peer Steinbrück, lag bloß an Gabriels letzter Reserve sich selbst gegenüber. Noch hat er die.

 

Als er 1999 Ministerpräsident wurde, reiste seine Mutter nach Hannover und war vor allem eines: erstaunt. Erstaunt, was aus dem Flegel, dem schlechten Schüler, dem kleinen Gefangenen geworden war. Und auch Gabriel selbst ist bis heute aus dem Staunen noch nicht ganz herausgekommen. Er fürchtet immer noch, der nächste Schritt könnte einer zu viel sein. Oder einer zu früh.

Und dann ist da noch ein zweites Rätsel: Beide Frauen, Anke wie seine Exfrau Munise, haben das Gefühl, die Politik tue ihm oft nicht gut. Beide haben ihn gefragt, wer denn bitte der böse blickende Mann da im Fernsehen sei. "Na", antwortete Gabriel, "das bin ich, wie zu Hause auch." Nein, war die Antwort, das bist du nicht.

Gabriel ist ein politisches Tier, keine Frage, er kann Politik fühlen und lebt sie, da ist er Gerhard Schröder ähnlicher als Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Zugleich fühlt er sich umso weniger wohl, je größer die Öffentlichkeit ist, unter deren Augen er sich bewegen muss. Besonders fremd ist er sich im Fernsehen. Doch ist Fernsehen nicht bloß das oberflächliche Medium, als das es gern gescholten wird, es zeigt immer auch etwas Wahres. Und ein Teil der Wahrheit über Gabriel ist offenbar, dass er sich da in seiner Haut nicht wohlfühlt, dass er sich selbst nicht ganz traut. Vielleicht ist es das, was die Leute spüren, diese Uneigentlichkeit. Das mag an seiner Geschichte als gefangenes, als von sich selbst enttäuschtes Kind liegen. Oder daran, dass er diese Geschichte so lange verborgen gehalten hat.

Was seine Freunde jedenfalls sagen: Gabriel ist ruhiger geworden, gelassener, kann besser als früher zu sich stehen. Das Dienen hilft ihm dabei. Er dient, so jedenfalls ist seine Selbsteinschätzung, als Parteivorsitzender der SPD, und er dient nun dem Kanzlerkandidaten Steinbrück, erträgt geduldig dessen wöchentliche Fehlleistungen und weiß dabei, was ihm selbst erspart geblieben ist. Vielleicht muss er eben erst ganz zu sich kommen, bevor er den letzten Schritt gehen kann. Selbst antreten.

Am Wochenende, wenn das Wetter einigermaßen gut ist, kann man die Gabriels beobachten, wie sie um den Goslarer Kahnteich spazieren. Anke schiebt den Kinderwagen, Sigmar den Rollstuhl seiner Mutter. "Die Leute lachen uns an, wenn sie uns vier so sehen", sagt Gabriel. Und dann lacht er auch.