Eigentlich sollte ich auch in Tuvias Buch über böse Deutsche und gute Juden vorkommen. Aber als er mich vor zweieinhalb Jahren anrief und sagte, er wolle sich mit mir treffen, sagte ich: "Jetzt nicht, vielleicht später. Ich habe schlechte Laune." Dass das auch mit seiner hektischen und selbstverliebten Art zu reden zu tun hatte, sagte ich ihm nicht.

"Gut", antwortete er, "ich fahre nach München, wo ich mit ein paar anderen Leuten reden muss, und wenn ich wieder in Berlin bin, geht es dir hoffentlich besser."

"Warum willst du mich treffen, Tuvia?", sagte ich, "wir kennen uns gar nicht."

"Ach", sagte er, "ich dachte, es ist immer ganz lustig, wenn zwei aufgeregte Juden sich unterhalten." Als er mich nach seiner Rückkehr aus München anrief, hatte ich zum Glück aber noch schlechtere Laune, und wir trafen uns wieder nicht.

Jetzt stand ich im Adlon, in einem großen, kalten, viel zu niedrigen Raum, den sie hier Wintergarten nannten, arme, lächelnde Kellner trugen auf großen Tabletts Getränke und Essen herum, und Tuvia stand hier auch und sagte zu mir und zu fünfzig anderen Leuten, wie sehr er sich freue, dass sein Buch nun doch noch in Deutschland erscheinen dürfe. Dann sagte er, dass Deutschland voller Antisemiten sei und dass man dagegen kämpfen müsse – und dass er das auch tun wolle, denn er liebe Deutschland. Ich dachte: Er liebt Deutschland? Er, der Sohn eines bis zur Raserei orthodoxen Rabbiners und Schoah-Überlebenden aus Bnei Brak, der die ersten zwanzig Jahre seines Lebens als streitsüchtiger Jeschiwa-Schüler verbrachte, bevor er dem Terror des religiösen Vaters nach New York entkommen konnte? Das macht doch überhaupt keinen Sinn! Aber da klatschten auch schon alle erleichtert, denn sie wussten, dass der Rowohlt Verlag, wo Tuvias vierhundertseitiger Deutschland-Reisebericht zuerst rauskommen sollte, mit Tuvias Antisemitenparanoia zwar irgendwann nichts mehr zu tun haben wollte, doch zum Glück gab es ja noch Suhrkamp, wo Allein unter Deutschen jetzt rauskam. Bestimmt klatschten sie aber auch deshalb so lange und so laut, weil sie dachten: wer heute Abend als Deutscher im Wintergarten des Adlon bei Tuvias Buchpremiere dabei sein darf, kann kein Antisemit sein.

"Tuvia", sagte ich eine halbe Stunde später zu ihm, "weißt du, wer ich bin?"

"Klar", sagte er. Er war nicht mehr so dick wie auf den Fotos in seinem Buch, er war noch viel blonder, als ich ihn mir vorgestellt hatte, und er hatte den unfreundlichen Gesichtsausdruck eines Menschen, der eigentlich freundlich ist, aber zu oft ausgelacht wurde. "Ich freue mich, dass du da bist", sagte er. "Ich habe gehört, du bist unsympathisch, aber hast Humor."

"Und über dich sagt man, dass du übertreibst, Tuvia. Deutschland voller Antisemiten, so wie du es auf jeder zweiten Seite schreibst? Du spinnst. Wenn es hier bei uns ein Problem gibt, dann ist es der antifaschistische Staatskult, der seit den Achtzigern herrscht, so wie früher nur in der DDR."