Machen wir uns bitte nichts vor. Kernpunkte der jüngeren deutschen Geschichte wie auch wichtige Elemente der aktuellen Integrationsdebatte gehören in Deutschland oft zu einem Elitendiskurs über unsere Identität, sie inspirieren noch keine wirkliche Volksbewegung. Was die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur betrifft, verbuchen wir zwar eine erfolgreiche intellektuelle Abarbeitung von Themen und Thesen, aber auf der anderen Seite nur selten eine echte tiefe Auseinandersetzung der gesamten ostdeutschen Gesellschaft mit sich selbst. Ich meine damit einen Prozess, den der Philosoph Karl Jaspers nach dem Krieg als "Durchhellung" bezeichnet hat: eine existenzielle Aufarbeitung also bei all denen, die das System getragen haben.

Als die Frage im Raum stand, ob ich den von Bundespräsident Horst Köhler begonnenen Dialog zur SED-Diktatur fortsetzen wolle, schwang eine zweite, unausgesprochene Frage mit: Ist denn nicht eigentlich schon alles gesagt?

Natürlich wurde in den vergangenen 23 Jahren nach der friedlichen Revolution sehr viel ermittelt, erforscht und erzählt, was deutsche Befindlichkeiten diesseits und jenseits der Elbe ausmacht. Aber immer noch schreiben Opfer des Regimes lange Briefe mit der verzweifelten Bitte, doch endlich gehört zu werden. Für jemanden, dem die Diktatur einst den Berufsweg oder die Familie zerstört hat, dem Freiheit, Gesundheit oder Seelenfrieden geraubt wurden, für solche Menschen sind zwei Jahrzehnte Abstand kein Trost und die Verluste unwiederbringlich.

Haben solche Schicksale alle einen Platz in unserem kollektiven Bewusstsein, oder sind sie – wie es viele Betroffene eben schmerzlich empfinden – von der Mehrheitsbevölkerung inzwischen abgehakt, ad acta gelegt?

Diese Debatte könnte eine neue und vielleicht heilsame Dynamik gewinnen, denn jetzt rückt die sogenannte Dritte Generation Ost nach. (...) Diese Generation kennt weder die Schrecken von Torgau noch von Bautzen – und wenn, dann nur aus dem Schulunterricht –, sie spürt aber in vielen Alltagsfragen, dass die Erfahrungswelt ihrer Eltern mit der eigenen kaum Schnittmengen hat. Freiwillig Klassensprecherin werden oder für ein soziales Jahr nach Brasilien gehen? Das ist an vielen Abendbrottischen in den neuen – wie lange eigentlich noch "neuen"? – Ländern immer noch keine Selbstverständlichkeit. Auch das offene und differenzierte Gespräch über den SED-Staat leider nicht.

Die Prägungen durch die jahrzehntelang erfahrene politische Ohnmacht wirken oftmals nach. Soziologen diagnostizieren bei großen Bevölkerungsgruppen eine unbewusste Weitergabe der Handlungsmuster aus Zeiten der Unfreiheit. Die gute Nachricht: Dieses Verhalten lässt sich bewusst machen, es lässt sich verändern. Es wäre nicht das erste Mal nach einer deutschen Diktatur, dass die Nachgeborenen ein Vierteljahrhundert später erfolgreich bei ihren Eltern und Großeltern nachhaken.

Es tut unserem Land also gut, wenn heute 30-Jährige zwischen Schwerin und Dresden laute Fragen stellen.