Die Causa Broder/Augstein, davor Günter Grass nebst Tausenden von Auslassungen in Print und Digital erlauben es, ein Gesetz zu formulieren: Es ist heute schlimmer, jemanden einen Antisemiten zu nennen, als einer zu sein. Früher – im Kaiserreich – war der Antisemitismus (AS) eine respektable Position, und im Dritten sogar Staatsreligion. Dieser AS ist heute tabu – ausgewandert an die Ränder und in die islamische Welt (wo der Hass täglich von memri.org dokumentiert wird).

Ist er wirklich weg? Die Erhebungen ermitteln "20 Prozent latenten AS". Da liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld, was beruhigend wäre, wenn da nicht so routinemäßig wie die Verspätungen der Deutschen Bahn der verräterische Spruch auftauchte: "Man wird doch wohl mal Israel kritisieren dürfen." Dieser hat die gleiche Glaubwürdigkeit wie die "betrieblichen Gründe" der DB. Kramen wir deshalb einen Vortrag von 1962 hervor, in dem Adorno vom "versteckten" oder "sekundären" AS sprach, den er mit Begriffen wie "Abwehr", "Entlastung" und "kollektiver Selbstverteidigung" verknüpfte, und zwar just wegen des "offiziellen Tabus".

Israel wird in diesem Land reichlich und lustvoll kritisiert. Schon das Wörtchen "Israelkritik" lässt eine kleine Bewusstseinsindustrie erahnen, die keinem anderen Land außer Amerika zuteilwird; es gibt keine "Italien-" oder gar "Palästinakritik". Nun ist Kritik noch kein AS. Hellhörig muss man werden, wie Joschka Fischer 2004 notierte, bei "einer bestimmten Art, über Amerika, auch über Israel, zu reden".

Zum Beispiel, wenn einer Gaza mit einem "Lager" oder gar mit dem Warschauer Ghetto gleichsetzt. Oder beim Anti-Terror-Kampf von "Vernichtungskrieg" und raunend vom "Knüppel des AS-Vorwurfs" plaudert. Oder vom atomaren "Erstschlag" gegen Iran, mit dem Israel den "Weltfrieden" bedrohe. Oder von einer "jüdischen Lobby", welche die US-Politik in den Krallen halte. Oder über einen israelischen Premier, der "die gesamte Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs" führe. Der AS, so Adorno, ist das "Gerücht über die Juden".

Hier finden sich die klassischen AS-Topoi wieder; bloß gelten sie nicht dem Juden, sondern dem jüdischen Staat: Allmacht, Verschwörung, das Böse schlechthin. Das ist nicht Kritik, sondern Dämonisierung. Hinzu kommt der klassische Wesenszug der Obsession: die reflexhafte Verurteilung, die weder die Tragik des Konflikts noch die Gräuel der anderen wahrnimmt.

Woher das "Tuscheln"?, fragt Adorno. Unser aller Onkel Sigmund würde über Schuldabwehr und -projektion dozieren. Israel tue den Palästinensern an, was wir den Juden angetan haben. Wir haben unsere Lektion gelernt, Netanjahu – schlimmer als Hitler – plane gar den Weltenbrand. Das ist die Wiedergutwerdung auf dem Rücken der Enkel der Opfer, "Israelkritik" als unbewusste Selbst-Salvierung, etwa: Die sind ja noch schlimmer, als unsere Vorväter es waren, also sind wir im moralischen Plus.

Das Klügste zum jüngsten Ausbruch hat Claudius Seidl in der FAZ gesagt. Die Nachfahren der Täter seien "nicht besonders gut legitimiert", den Opfer-Nachkommen zu sagen, "was richtig oder falsch sei", sie sollten "ein bisschen höflicher" sein. Positiver ausgedrückt: Sie könnten nach siebzig Jahren mustergültiger demokratischer Entwicklung ruhig etwas gelassener sein.