Im jüdischen Schtetl Osteuropas standen ganz unten in der sozialen Rangfolge die ungelernten Arbeiter, Tagelöhner, Wasserträger, Transporteure, dann aber die Massen der Schnorrer und "Luftmenschen", die buchstäblich von der Hand in den Mund lebten, fromme und aufdringliche Illusionäre, deren Hoffnung auf Ertrag sich im Element Luft auflöste. Diese Juden lebten, wie es Manès Sperber charakterisiert hat, im Bereich eines alles metamorphosierenden "als ob".

Die Ostjuden, die ab 1880/81 die Grenze überschritten, betrachteten Deutschland als Durchgangsland. Doch das Leben schlägt manchmal unvorhergesehene Volten, und so wurde Berlin, wie Anne-Christin Saß in ihrer quellengesättigten Studie bemerkt, zu einem "Ort der gestoppten Durchwanderung". Zu den Ursachen der jüdischen Wanderungen gehören Krieg und Revolution, einschließlich der wirtschaftlichen Folgen und der Pogrome, die den besonderen Charakter des jüdischen Wanderungsproblems deutlich machen.

Unter den Ostjuden gab es Personen, die in den Gemeinden benötigt wurden: Rabbiner, Lehrer, Schächter, Kantoren, Thoraschreiber, hebräische Schriftsetzer – Menschen, für die Joseph Roth den trefflichen Begriff "konfessionelle Proletarier" fand. Von den ostjüdischen "Luftmenschen" – im Jahr 1925 lebten 41.465 "ausländische" Juden in Berlin – berichtet Anne-Christin Saß in ihrer Untersuchung, sie machten 20 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Berlins aus. Doch waren die Juden des Scheunenviertels mehrheitlich, wie noch in Russland, Menschen ohne feste Arbeit, arme Menschen, die allein "von der Luft" lebten? Dagegen spricht ein flächendeckendes Netz von allen möglichen Vereinen, die vielfältige Hilfe leisteten und in Not geratene Ostjuden unterstützen. Dennoch lebten viele in erbärmlichen Verhältnissen, arbeiteten während der Woche hart, um am Schabbes etwas zu haben. Meist fehlten jedoch "99 Pfennig an der Mark". Auch der Berliner luftmentsch schlug sich mehr schlecht als recht durchs Leben, träumte zwar, reich wie Rothschild zu sein, war sich aber sehr wohl bewusst, dass wichtiger als alles Geld die Familie war, die Gelehrsamkeit, die Identifikation mit der religiösen Tradition. Und er wusste auch, dass, seiner unsicheren Rechtsstellung wegen, das Damoklesschwert der Ausweisung ständig über ihm schwebte, auch wenn er im republikanischen Deutschland mehr oder weniger geduldet war.

Es bleibt eine beklemmende Tatsache, dass gerade die Weimarer Republik einen Antisemitismus hervorbrachte, der alle früheren Judenfeindschaften in den Schatten stellte. Razzien der Berliner Polizei gegen die ostjüdische Bevölkerung waren nicht selten, und 1923 kam es zu pogromähnlichen Ausschreitungen im Scheunenviertel. Die Studie von Saß zeigt anschaulich, dass sich Berlin in den zwanziger Jahren zu einem Knotenpunkt einer vielschichtigen jüdischen Diasporakultur entwickelte. Hier bündelten sich die Entwicklungen und Probleme des sich neu formierenden Nachkriegseuropas, auf die die Migranten ihre ganz eigenen Antworten gaben.