Es ist ein selbstbewusstes Porträt, das der angesehene Zeichner Andreas Friedrich Happe 1785 schuf. Und es zeigte sein anderes großes Interesse neben der Kunst: die Pharmazie. Auf einer steinernen Bank sitzt er selbst in rot-blauem Gewand und zeichnet eine Pflanze, wahrscheinlich einen Aaronstab. Der Garten um den Künstler und Wissenschaftler herum ist längst nicht mehr der geschlossene Hortus conclusus der mittelalterlichen Klöster, sondern ein offener Ort der Weite und der Aufklärung. In Gestalt der Sonne leuchtet sie am Horizont, als Quelle sprudelt sie am vorderen Rand des Bildes. Happe lehnt gegen eine klassizistische Wand, eine Palme wurde im großen Pflanzkübel domestiziert. Es ist Jahrzehnte her, seit eine vollständige Ausgabe von Happes sechsbändiger Botanica Pharmaceutica mit allen 595, zum Teil handkolorierten, Grafiken und den 204 Textseiten auf den Markt kam. Auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse, die am 25. Januar beginnt, bietet das Amsterdamer Antiquariaat Junk nun ein in drei Bände zusammengefasstes Exemplar für 26.500 Euro an. Einige Stände weiter bietet Ralf Eigl das 1844 von George Catlin herausgegebene handkolorierte North American Indian Portfolio für 115.000 Euro an. Und beim Roten Antiquariat aus Berlin kostet ein Widmungsexemplar von László Moholy-Nagys Buch Vom Material zur Architektur von 1929 an seine Frau Lucia 4.000 Euro.

Während die letzten großen Auktionen für Kunst der Klassischen Moderne eher enttäuschend verliefen, steigen – neben dem Wert von Altmeistergemälden – die Preise für antiquarische Bücher und für Autografe nach wie vor an; entsprechende Qualität hat das Angebot. Im Dezember erzielte ein Brief von Vincent van Gogh bei Christie’s in Paris 445.000 Euro. Das US-Auktionshaus Profiles in History bot sechs Tage später eine umfangreiche Privatsammlung von Handschriften in einer einzigen Auktion an – ebenfalls mit einem Brief von van Gogh (280.000 Dollar) und anderen von George Washington (30.000 Dollar), Charles Dickens (40.000 Dollar) und Ludwig van Beethoven (110.000 Dollar). In Fontainebleau stieg ein Brief von Napoleon Bonaparte von geschätzten 10.000 auf zugeschlagene 187.500 Euro.

Für Musikhandschriften muss man astronomische Preise zahlen

Astronomische Beträge werden zurzeit vor allem für Musikhandschriften geboten. Seit anderthalb Jahren bieten J & J Lubrano Music Antiquarians aus Lloyd Harbor im US-Bundesstaat New York die legendäre Partiturensammlung des Milliardärs Robert Owen Lehman an: 200 Nummern, Tausende Seiten aus 350 Jahren Musikgeschichte, darunter handschriftliche Bach-Kantaten, neun vollständige Sinfonien, mehrere Serenaden, Konzerte und Sonaten von Wolfgang Amadeus Mozart, die dritte und neunte Sinfonie von Gustav Mahler und Hauptwerke von Brahms und Chopin, Debussy und Liszt, Mendelssohn-Bartholdy und Ravel, Schönberg, Schumann und Strawinsky. 135 Millionen Dollar soll das Konvolut, das nur geschlossen und nur an eine öffentliche Einrichtung verkauft werden darf, kosten: für jede deutsche Bibliothek eine unbezahlbare Summe.

Die deutschsprachigen Antiquariate stehen angesichts dieser anhaltenden Entwicklung vor der Frage, ob sie mithalten können oder ob sie das Geschäft mit den hochpreisigen Autografen und Büchern den internationalen Auktionshäusern überlassen müssen. Eine aktuelle Entwicklung bei der angesehenen Stuttgarter Antiquariatsmesse gibt dabei ein schlechtes Signal. Zum ersten Mal seit Jahren werden mit dem Antiquariat Inlibris aus Wien und der Autografenhandlung Kotte aus Rosshaupten zwei international konkurrenzfähige Anbieter nicht mehr mit einem Gemeinschaftsstand auf der Messe vertreten sein.

Es habe "Wünsche von verschiedenen Beteiligten gegeben, die sich, ohne eine vierte Dimension zur Verfügung zu haben, nicht unter den berühmten einen Hut bringen lassen", verklausuliert Christian Hesse, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Antiquare e. V. und damit auch Veranstalter der Stuttgarter Messe, die Gründe. Konkreter wird Hugo Wetscherek, Geschäftsführer von Inlibris: "Wir sind darauf angewiesen, einen Eckstand zu haben, an dem wir unser Angebot in geschlossenen Vitrinen zeigen können. Alles andere – offene Regale zum Beispiel – würde wegen der wertvollen Stücke unsere Versicherung nicht erlauben." Deshalb hätten beide Unternehmen schon vor Jahren, als es der Messe gar nicht so gut ging, ein Standkonzept für eine Fläche im Württembergischen Kunstverein entwickelt, die bis dahin nicht bespielt wurde. Dort zeigten sie über Jahre marktfrische Ware – etwa ein Konvolut von Briefen, die Franz Kafka an den jungen Mediziner Robert Klopstock schrieb und die Inlibris in einem eigenen Band wissenschaftlich dokumentierte. Nun erfuhren Wetscherek und Kotte erst am Tag der Standvergabe, dass ihr bisheriger Platz diesmal an das Antiquariat Bibermühle gehe. "Wir fühlen uns ungerecht behandelt", kommentiert Hugo Wetscherek. "Man hätte uns zumindest vor der Entscheidung über solche Überlegungen informieren und mit uns nach einer Lösung suchen müssen. Immerhin haben wir bislang in Stuttgart jährlich für rund 300.000 Euro verkauft, für etwa dieselbe Summe aber auch bei Kollegen eingekauft. Stattdessen wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt." – "Der Verband ist bemüht, allen individuellen Wünschen der Kollegen hinsichtlich Planung und Gestaltung der Messestände gerecht zu werden", sagt dazu Christian Hesse lapidar. "Dass diesem Streben im Rahmen einer Gemeinschaftsveranstaltung allerdings gewisse Grenzen gesetzt sind, versteht sich von selbst."

In Ludwigsburg wird ein Brief Martin Luthers angeboten

Wenige Tage vor Messebeginn soll es nun noch ein Gespräch geben. Das Autograf allerdings, das ein Highlight der Messe hätte werden können, bieten Inlibris und Kotte nun anderswo an: einen doppelseitigen Brief, den Martin Luther im September 1530 von der Veste Coburg an seinen Theologenkollegen und Mitreformator Philipp Melanchthon in Augsburg schrieb – wenige Wochen nach der Zurückweisung der Confessio Augustana durch die römische Kirche auf dem Augsburger Reichstag. Knapp 100000 Mark hatte die Epistel 1990 in einer Stargardt-Auktion in Marburg einen kalifornischen Sammler gekostet. Von ihm erwarben Inlibris und Kotte die Epistel im vergangenen Herbst, deutlich teurer, um sie nun für 350.000 Euro anzubieten – auf der zeitgleich stattfindenden Antiquaria Ludwigsburg (24. bis 26. Januar). An der Stuttgarter Messe geht das publikumsträchtige Stück vorbei.