Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar, der in seinen kürzlich erschienenen Memoiren das Verliebtsein als "den höchsten Grad der Annäherung an den Zustand mystischer Gnade" bezeichnete. Aber selbst wenn man Kakars mystische Sicht nicht teilt, muss man konstatieren: Auch für Wissenschaftler – und gerade im scheinbar so rationalen Forschungsbetrieb – spielt die Liebe eine entscheidende Rolle.

Dabei soll es an dieser Stelle einmal nicht um jene Forschungsprojekte gehen, die uns die Liebe ganz unromantisch zu erklären versuchen – sei es als Ergebnis hormoneller Ausnahmezustände, sei es als Funktion eines genetischen Programms oder als Folge sonstiger neuro-, psycho- oder biologischer Faktoren. Das mag alles seine Berechtigung haben; doch wer die Liebe nur objektiv als kalten Forschungsgegenstand betrachtet, dem gerät leicht die subjektive Perspektive aus dem Blick, die meist die spannendere ist. Denn das Schöne an der Liebe ist ja nicht ihre Erklärung, sondern ihr Erleben. Und das kann selbst die klügsten Köpfe um den Verstand bringen.

Von daher ist es eine längst überfällige Initiative, dass die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) das Thema nun auf die Tagesordnung setzt. "Die Wissenschaft und die Liebe" lautet der Titel eines großen Salonabends an diesem Samstag (19. Januar) in Berlin, an dem das komplexe Sujet aus allen erdenklichen Blickwinkeln beleuchtet wird. Dabei geraten endlich auch die Wissenschaftler selbst als Liebende in den Blick, und man wagt sich an die schwierige Frage heran, wie man als Forscher "die verwirrend-emotionale Welt der Liebe und die analytisch-reflektierte Welt der Wissenschaft" in Einklang zu bringen vermag.

Dass dies beileibe kein banales Problem ist, demonstrieren gerade die Großen der Zunft. Albert Einstein etwa, der als Physiker nahezu Übermenschliches leistete, hat in Liebesdingen bekanntlich recht kläglich versagt. Auch die Liebesgeschichte zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger – die soeben in dem Kinofilm Hannah Arendt wieder auflebt – war von vielen Widersprüchen durchzogen. Solche "Love-Storys aus der Wissenschaft" belegen in Berlin, dass im Leben großer Denker die Liebe meist ganz anderen Gesetzen folgt als die Wissenschaft. Der Vortragstitel des Historikers Jürgen Herres darf da als programmatisch gelten: Liebe – auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat.

Doch die unberechenbare Liebe und die rationale Wissenschaft müssen nicht notwendigerweise gegensätzliche Pole sein. Man kann auch, wie es der frühere BBAW-Präsident Dieter Simon einmal getan hat, mehr Verbindendes als Trennendes sehen. Liebe wie Wissenschaft, argumentierte Simon anlässlich eines Nobelpreisträgertreffens in Berlin, seien schließlich Passionen, die viele Gemeinsamkeiten teilten. So ähnelten sich schon die äußeren Erscheinungsformen. Begegne man etwa Menschen, "die mit wirren Haaren und einem in sich gekehrten Blick grußlos durch die Straßen wandern, im Café grübelnd und mit seltsamem Lächeln vor ihrer Tasse sitzen, die nachts aus dem Bett springen, irgendwohin Nachrichten senden, Notizen machen, sich aus dem Fenster beugen, um den Nachthimmel zu betrachten" – dann habe man es entweder mit Verliebten oder mit Wissenschaftlern zu tun.

Gibt es neben dem Fortpflanzungs- auch einen "Kapiertrieb"?

Dabei können beide nur selten vernünftige Gründe für ihre Aufgewühltheit angeben. Die Leidenschaft eines Forschers – etwa für die Details des byzantinischen Rechtssystems oder das Verhalten ultrakalter Atome nahe dem absoluten Nullpunkt – erscheint Außenstehenden meist ebenso unerklärlich wie l'amour fou, die aus heiterem Himmel zwei Menschen füreinander entbrennen lässt.

Und ähnlich wie die Liebe kennt auch die Passion für das wissenschaftliche Fragen kein Ende. Sie kann sich zwar verlagern oder, anlässlich eines neuen Sujets, frisch entflammen. Doch der ursprüngliche Antrieb bleibt derselbe. Nur in einem Punkt gehe es den Wissenschaftlern besser als den Verliebten, meint Dieter Simon: "Entdeckt einer mit 70 einen nie gedachten Gedanken oder einen neuen Stern, wird seine Weisheit gepriesen. Entdeckt er mit 70 eine neue Liebe, zweifelt man an seinem Verstand."

Warum allerdings der wissenschaftliche Erkenntnisdrang eine ebenso große Macht hat wie die Sehnsucht nach einer neuen Liebe, wieso ausgerechnet das bange Zittern, in das man durch Herzensangelegenheiten gerät, jenen Gefühlen gleicht, die man mit einer plötzlichen neuen Einsicht verbindet, ist aus Sicht der Wissenschaft noch immer ein Rätsel. An dessen Beantwortung haben sich Forscher bislang kaum herangewagt – vielleicht weil es den Kern ihres Liebes- wie ihres wissenschaftlichen Lebens gleichermaßen berührt.

Zumindest den Versuch einer Erklärung wagte der 2011 verstorbene Hirnforscher und Kybernetiker Valentin von Braitenberg. Warum empfinden wir bei Aha-Erlebnissen so eine starke "Hirnlust"? Weil beim Finden eines neuen Theorems – ähnlich wie beim Sex – Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet würden, die das körpereigene Belohnungszentrum anregten. Das deute darauf hin, dass in grauer Vorzeit jener Teil des Gehirns, der für rationale Erkenntnis zuständig ist, mit einem anderen Hirnzentrum verbunden worden sei, in dem Schlüsselreize eines animalischen Triebs angesiedelt worden seien. Die Natur habe den Homo sapiens also nicht nur mit einem Fortpflanzungs-, sondern auch einem "Kapiertrieb" ausgestattet, spekulierte Braitenberg. Deshalb sei beim Menschen das Denken "oftmals auf das eine Ziel hin gerichtet, diese Hirnlust zu erleben".