Seit vergangenem Donnerstag vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens ein heiß gehandelter Nachfolger für Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern die Runde macht. An jenem 10. Januar hatte Rattle bekannt gegeben, dass er seinen Vertrag als Chefdirigent und künstlerischer Leiter des "besten Orchesters der Welt" über 2018 hinaus nicht verlängern wird. "Überrascht" sei man gewesen, sagen nun manche seiner Musiker, "schockiert!", rufen andere, "betroffen", meinen die dritten, und während Intendant Martin Hoffmann sich mit "konsterniert" anfreunden könnte, glättet Orchestervorstand Peter Riegelbauer prophylaktisch die Wogen: "Das muss jeder für sich erst einmal sacken lassen."

16 Berliner Jahre werden es für Sir Simon dann gewesen sein: Jahre des Kampfes (gegen diverse Fraktionen im Orchester wie im Publikum), Jahre der strukturellen Konsolidierung (durch Gründung einer Stiftung), Jahre der Öffnung (durch ein Education-Programm und populäre Filmprojekte wie Rhythm Is It!), Jahre des medialen Fortschritts (durch Live-Streaming von Konzerten im Internet, die sogenannte Digital Concert Hall) – und Jahre nicht nur des puren künstlerischen Glücks. Musikalisch galt und gilt der Brite als umstritten, böse Zungen behaupten gar, er habe jene öffentlichkeitswirksame Kosmetik bloß betrieben, weil er mit dem philharmonischen Kernrepertoire von Beethoven bis Bruckner nichts anfangen könne. Was weder ganz falsch noch ganz richtig sein dürfte.

Bei Rattles Vorgänger Claudio Abbado wussten die 128 Philharmoniker vier Jahre lang, dass und wann er gehen würde: Prompt wurden es seine/ihre vier besten Jahre. Bei Rattle sind es fünf, und die Hoffnung scheint berechtigt, dass die zwischenzeitlich recht ausgedampfte Beziehung noch einmal Fahrt aufnimmt. Das sollte sie allerdings schnell tun, damit die Musiker ein Gefühl dafür kriegen, als wer oder was sie eigentlich wen oder was suchen. In drei Jahren spätestens müsste Rattles Nachfolger gekürt sein, schon aus Gründen des Marktes und der Planung.

Erstmals in der Geschichte des Orchesters umfasst die Phalanx der einschlägig Verdächtigen alle Generationen: Von ehrenwerten Senioren wie Daniel Barenboim oder Mariss Jansons mit dann 75 plus über Christian Thielemann, dann Ende 50, bis hin zu Gustavo Dudamel, Yannick Nézet-Séguin, Pablo Heras-Casado oder Andris Nelsons, dann allesamt zweite Hälfte 30. Hauptsache, es wird wieder ein Engländer, frotzelte der Guardian in einem frühen Kommentar und warf rasch noch Robin Ticciati in den Ring, heute zarte, lockenköpfige 29. So oder so: Die Uhr tickt. Weltweit.