An manchen Tagen kommt es gar nicht darauf an, was Axel Böttger sagt. Dann reicht es, wenn er zuhört. Einer Mutter beispielsweise, die zutiefst unglücklich darüber ist, dass das Verhältnis zu ihrem in Afghanistan stationierten Sohn so schlecht sei. "Sie hat einfach jemanden gebraucht, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Stundenlang", sagt Böttger.

An solchen Tagen dient der 52-jährige Oberstabsfeldwebel als Kummerkasten. An anderen muss er aktiver werden. "Letzte Woche rief uns die Mutter eines Soldaten an, total panisch, weil ein Gericht einen Mahnbescheid an ihren Sohn geschickt hatte. Da mussten wir erst rausbekommen, was passiert war." Aus irgendeinem Grund sei eine Krankenhausrechnung nicht bezahlt worden, sagt Böttger. "Das konnten wir zum Glück schnell klären und dafür sorgen, dass das Geld überwiesen wurde."

Wie sieht ein Feldlager-Bett aus, wie der Alltag? Um solche Fragen geht es

Böttger arbeitet in einem der 31 Familienbetreuungszentren (FBZ) der Bundeswehr. Deren Mitarbeiter – etwa 200 Haupt- und 190 Ehrenamtliche – sind Ansprechpartner für die Angehörigen der Soldatinnen und Soldaten. Sie helfen bei Problemen mit der Kinderbetreuung oder vermitteln Ansprechpartner, wenn Ärger mit Behörden droht. Sie organisieren Info-Veranstaltungen oder Ausflüge, damit Angehörige sich austauschen und etwas über den Einsatz erfahren können: wie Papas Bett im Feldlager aussehen wird; wie ein Tag in Kundus abläuft. Und die Helfer sind da, wenn die Daheimgebliebenen jemanden zum Reden brauchen. Denn bei der Truppe weiß man: Soldaten im Einsatz müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Familien Unterstützung erfahren. Nur wer frei im Kopf sei, könne sich wirklich auf die Arbeit konzentrieren.

Die Betreuungszentren, für die Martina de Maizière nun die Schirmherrschaft übernommen hat, gibt es seit mehr als zehn Jahren. "Wir kümmern uns um etwa 9000 Angehörige", sagt Axel von Bredow, Chef des "Leit-Familienbetreuungszentrums" Potsdam. "Und wir sehen deutlich, dass sich die Anliegen der Familien verändert haben, seit die Einsätze gefährlicher geworden sind. Die Fragen sind intensiver geworden." Beim Anruf im FBZ geht es für die Angehörigen bisweilen um Leben und Tod: Immer wenn es Anschläge oder Angriffe gegeben habe, so von Bredow, riefen besorgte Eltern und Partnerinnen an, um sich zu vergewissern, dass ihren Kindern und Männern nichts passiert sei. Auch wenn die Teams in den Betreuungszentren niemals selbst Todesnachrichten überbringen müssen: "Wenn Soldaten gefallen sind, begleiten wir die Angehörigen und versuchen, sie in allen Belangen zu unterstützen."

Die Auseinandersetzung mit der Angst der Angehörigen und im schlimmsten Fall ihrer Trauer gehe nicht spurlos an ihm vorüber, bekennt Axel Böttger. "Als es 2009 und 2010 in Afghanistan viele Gefechte und damit auch Tote und Verletzte gab, habe ich mich schon gefragt, ob ich den Job noch sehr viel länger durchhalten würde. Da kann man so professionell sein, wie man will: Irgendwas bleibt immer hängen." Zum Glück sei die Lage 2012 entspannter gewesen. Die Arbeitsbelastung ist dennoch hoch: Nur fünf Mitarbeiter hat das FBZ in Frankenberg, wo Böttger arbeitet. Um die 24-Stunden-Hotline für Angehörige anbieten zu können, hat der Berufssoldat etwa eine Woche pro Monat Rufbereitschaft. Er muss dann damit rechnen, zu jeder Tages- und Nachtzeit Anrufe zu bekommen. Wenn das Telefon klingelt, weiß er nie, womit er es zu tun bekommt.

Dass die Mitarbeiter der FBZ heftig gefordert sind, weiß auch der Wehrbeauftragte des Bundestages. Hellmut Königshaus (FDP) erwartet, dass es auch nach der Bundeswehrreform eine vernünftige finanzielle Ausstattung der FBZ geben wird – weil deren Arbeit geschätzt werde. Selten, "so gut wie nie", würden Beschwerden über die FBZ an ihn herangetragen, sagt Königshaus, "im Gegenteil: Gerade die Soldaten und ihre Angehörigen, die etwa durch Verwundung oder schwere Schicksalsschläge besonders auf Betreuung angewiesen sind, haben das Gefühl, sie sind in sehr guten Händen." Wie wichtig es sei, sich neben den Soldaten auch um ihre Angehörigen zu kümmern, habe man inzwischen auch im Verteidigungsministerium erkannt. Mit Blick etwa auf die Betreuung der Kinder von Soldaten könne die Bundeswehr aber noch mehr für Familien tun: "Da ist noch deutlich Luft nach oben."