Es gab Zeiten, in denen man "Brücke" als Metapher für eine gelungene Kulturvermittlung benutzte. Heute kann man die Kulturen nicht mehr als feste Ufer verstehen, und daher kann man sie nicht mehr durch ein unbewegliches Bauwerk miteinander verbinden. Claude Lévi-Strauss zeigt uns in seinen Schriften über Japan eine andere Brücke, bei der deutlich wird, warum sie doch noch eine spannende oder gefährliche Metapher werden kann.

Jedes Kind in Japan kennt den weißen Hasen von Inaba, weil seine Geschichte nicht nur im Gründungsmythos des Landes, sondern auch in einem Märchen erzählt wird. Dieser Hase, leider ein Nichtschwimmer, sitzt auf einer Insel fest, möchte zum Festland zurückkehren. Er schlägt den Krokodilen vor, im Wasser eine Reihe zu bilden, damit er sie zählen kann. Es sei doch interessant, zu wissen, sagt der Hase, ob die Sippe der Krokodile größer sei als die der Hasen. So gelingt es ihm, aus Krokodilrücken eine Brücke zu bauen. Er kann aber, kurz bevor er sein Ziel erreicht, nicht mehr seinen Mund halten und ruft triumphierend: Ihr seid von mir betrogen worden! Daraufhin schnappen sie ihn und ziehen ihm die Haut ab.

Die Krokodile sind keine Bausteine für eine Brücke, sondern empfindliche Fährleute, die durch Beleidigung so gefährlich werden können wie die Boten der Hölle. Lévi-Strauss vergleicht das Motiv des "empfindlichen Fährmanns", das zur universellen Mythologie gehört, mit dem Halbleiter, der die Elektrizität mal weiterleitet, mal unterbricht. An einer anderen Stelle spricht er vom Sternenhimmel, der in unseren Augen wie eine homogene Fläche aussieht. In Wirklichkeit stammt jeder Stern aus einer anderen Zeit. Wie ist der dunkle Raum zwischen zwei Sternen, den unser Blick mühelos überquert, zu verstehen?

Der Anthropologe erinnert uns an die alte Frage, wie man überhaupt eine Kultur verstehen kann. Wer in einer Kultur aufgewachsen sei, könne sie nicht sehen, weil ihm die dafür nötige Distanz fehle. Wer eine Kultur von außen betrachte, könne sie nicht begreifen. Müssen wir aber immer an einem Ufer stehen bleiben? Auf einem Foto, das 1986 in Japan aufgenommen wurde, sieht man den 77-jährigen Lévi-Strauss mit seiner Frau und japanischen Kollegen gemeinsam in einem kleinen Boot sitzen. Er wirkt zufrieden, als wolle er sagen, seine Aufgabe sei nicht, eine Brücke zwischen Kulturen zu bauen, sondern gemeinsam mit den fremden Freunden auf dem Wasser unterwegs zu sein. Das Foto von der Bootsfahrt wirkt idyllisch, dabei ist das Wasser ein gefährliches Element. Einige japanische Mythen deuten an, dass das Diesseits und das Jenseits durch das Meereswasser miteinander verbunden sind.

Der Tübinger Japanologe Klaus Antoni zeigt in seinen Studien, die Lévi-Strauss erwähnt, dass man den Mythos des weißen Hasen von Inaba als Darstellung einer Opferung lesen kann. Der Hase verkörpert das Opfer, die Krokodile symbolisieren das Jenseits. Die Häutung kommt in diesem Fall dem Sterben gleich. Als der nackte Hase leidend am Strand liegt, wandert eine Gruppe von achtzig Brüdern an ihm vorbei. Sie haben alle nichts anderes im Kopf, als eine gewisse Prinzessin zu heiraten und zur Macht zu kommen. Der Hase erzählt ihnen, was ihm passiert ist. Sie geben ihm einen falschen Rat, und seine Schmerzen verstärken sich. Etwas verspätet erscheint der jüngste Bruder, der von seinen Brüdern zum Gepäckträger bestimmt worden ist. Er gibt dem Hasen einen richtigen Rat. Der Hase wird geheilt und prophezeit, dass dieser jüngste Bruder die Prinzessin heiraten wird. Die Moral der Geschichte: Wer das Opferungsritual mit der Wiederbelebung des Opfers abzuschließen weiß, soll das Land regieren.

Auf Lévi-Strauss, den Kenner der Indianerkultur, wirkt die japanische Mythensammlung Kojiki weder exotisch noch überraschend neu. Dort kommen Elemente vor, die er bereits alle von schriftlosen Kulturen der Indianervölker kennt. Er fand es aber bemerkenswert, dass in Japan die alte Mythologie mitten in der modernen Zivilisation, die die Natur skrupellos zerstört und in der Welt neuester Technologien eine führende Position hat, im Bewusstsein der Menschen noch immer einen sicheren Platz einnimmt.

Anders als im Fall seines frühen Hauptwerks Traurige Tropen von 1955 kann man dem Japanreisenden Lévi-Strauss nicht unterstellen, er würde die Schrift als Gefahr inszenieren, die die Unschuld der schriftlosen Kultur raubt. Denn er findet die älteren Versionen der Mythen, die er von den Ureinwohnern Amerikas kennt, in den schriftlichen Quellen Japans.

Lévi-Strauss spricht von der kulturellen Triangulation

Kojiki, aufgezeichnet am Anfang des 8. Jahrhunderts, wurde in Japan während des Zweiten Weltkriegs in einer vergleichbaren Weise missbraucht wie die germanischen Mythen in Deutschland. Wer der altjapanischen Sprache nicht mächtig ist, kann zum Glück jetzt diese Mythensammlung in der deutschen Übersetzung von Klaus Antoni lesen. Sein Aufsatz über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Kojiki motivierte mich, über das Zusammenspiel zwischen dem Gedächtnis einer Schamanin, den Ideogrammen und der Inszenierung des Gründungsmomentes einer Kultur neu nachzudenken.

Es gibt heute noch Japaner, die kein exotisches Tier dulden, wie das Krokodil aus dem Gründungsmythos, den sie als nationales Heiligtum ansehen. Dabei gilt das Szenario als wahrscheinlich, wonach Japan aus zwei Strömungen von Menschen, Sprachen und Kulturen entstanden ist. Die eine Strömung ging von Sibirien aus nach Osten: Wenn Japan eine ihrer Endstationen war, war der amerikanische Kontinent eine andere Endstation dieser Völkerwanderung. Die andere Strömung kam aus dem südlichen Pazifik, wo die Krokodile zu Hause sind. Lévi-Strauss spricht von der kulturellen Triangulation, die aus dem Malaiischen Archipel, Amerika vor der Entdeckung und Japan besteht.

Nach dem Tsunami und Super-GAU 2011 kehrte in internationalen Medien ein Japan-Bild zurück, in dem ein Samurai freiwillig für seinen Herrn stirbt und dabei keine Angst vor dem Tod zeigt. Aber was, wenn dieser Samurai in Wirklichkeit ein hilfloser Hase wäre, der leichtsinnig mit den Krokodilen umging und jetzt am Strand stirbt? In welchem Ritual kann der Hase auferstehen?

Lévi-Strauss wurde zwischen 1977 und 1988 fünf Mal nach Japan eingeladen. Seine davon inspirierten Texte über das Land haben anders als die Traurigen Tropen einen dialogischen Charakter, da er sich nicht nur mit der japanischen Literatur und den Mythen, sondern auch mit dem zeitgenössischen japanischen Diskurs über die eigene Kulturgeschichte auseinandersetzte. Wenn er über Japan redet, hört man keinen melancholischen Ton, der Traurige Tropen als literarisches Werk attraktiv, aber auch autistisch macht.

Hier spricht der Anthropologe im reifen Alter – begeistert, differenziert, kommunikativ und diplomatisch. Nicht einmal der Anblick der Großstadt Tokio bringt ihn dazu, wieder kulturpessimistisch zu werden. Interessanterweise befürwortet er, dass die japanische Moderne mit einer Restauration begann und nicht mit einer Revolution. Für jemanden aus dem Land der Revolution ist es radikal, der absoluten Erneuerung den Halbleiter vorzuziehen und zu sagen, in dem Moment, in dem ein neues Zeitalter von außen mit Macht hineindränge, sei es wichtig, die alten Werte aufzubewahren, damit nicht alles neu werde. Genaueres dazu kann man in seinen weiteren Vorträgen, die er 1986 in Japan gehalten hat und die ebenfalls gerade in der deutschen Übersetzung erschienen sind, lesen: Anthropologie in der modernen Welt (Suhrkamp, 148 S., 22,95 Euro) zeigt somit Alternativen gegenüber dem westlichen Fortschrittsmodell auf.

Die Japanreise von Lévi-Strauss liegt für uns heute in der Vor-Fukushima-Epoche, was seine Schriften umso lesenswerter macht. Die traurigen Subtropen ahnten damals noch nicht, dass die am Pazifik gebauten Atomkraftwerke viel gefährlicher sind, als es jene Brücke aus Krokodilen ist.