Es ist nicht leicht, eine Blume zu sein. Aber kaum versank Berlin am vergangenen Samstag im Schneegestöber, da sprossen auf der Probebühne des Grips-Theaters viele Blumen. Zur vollen Blüte gelangten sie tags darauf im Kulturhaus Podewil. Dort fand – nach zweitägigem Training – der erste Berliner Deaf Slam statt. Ein Deaf Slam ist ein Poetry-Slam, bei dem gehörlose und hörende Poeten gemeinsam auf der Bühne stehen und mit ihren Darbietungen um die Gunst des Publikums konkurrieren.

Die deutsche Poetry-Szene ist die zweitgrößte nach der in den Vereinigten Staaten und seit 20 Jahren eine feste Größe im Literaturbetrieb. Nun sollen auch jene ihrer Sprache vor Publikum Ausdruck verleihen können, die selber nicht hören können. Der mehrstufige Wettbewerb in etlichen Städten will die Behinderung ins Positive wenden.

Der Workshop am Samstag erinnert ein wenig ans Schwimmenlernen. 14 Teilnehmer stecken sich ein Kärtchen mit ihrem Vornamen an und sitzen erwartungsfroh im Kreis. Als sie von dem gehörlosen Poetry-Slammer Giuseppe Giurana und dem in der Slammer-Szene weit über die Lande hinaus bekannten Wolf Hogekamp gebeten werden, ihren Namen nur mit den Händen darzustellen, ist das für die vier Hörenden unter ihnen eine Herausforderung. Sven formt mit Zeige- und Mittelfinger vor Schreck ein V. Die gehörlose 18-jährige Mila zeichnet mit der rechten Hand fast zärtlich vom Mund bis zur Hüfte ihre Körperlinie nach. Die Geste ist ihr vertraut. Eine andere Teilnehmerin schnitzt den Namen so kunstvoll in die Luft – es sieht aus, als wäre ihre Hand ein Vögelchen, das sich einen Kuss von ihren Lippen stiehlt und davonfliegt. Das ist Gebärdensprache.

Sofort ist man selbst versucht, seinen Namen zu "gebärden", wie man hier sagt, und stellt erschrocken fest, dass einem auf die Schnelle nichts einfällt. Giuseppe, die Haare streng zum dicken Zopf gebunden, das fingerlange Kinnbärtchen wie eine Pfeilspitze gezwirbelt, ist ein strenger Lehrmeister. Seine Hände zerschneiden die Luft wie ein Samuraischwert. "Der Deaf Slam soll kein Witzeabend werden", übersetzt eine Dolmetscherin seine Gesten in Worte. Jeder soll seine innere Sprache finden, aus sich herausgehen und seine eigene kleine Geschichte erzählen.

Und dann gibt Giuseppe noch einen wichtigen Tipp: Er weist auf die Presseleute im Hintergrund des Raumes, fotografiert in der Luft und winkt ein paarmal ab. Übersetzt heißt das: Ignoriert die Kameras! Schön und gut, aber war das gerade nicht noch etwas mehr als Gebärdensprache? Ein leicht angewidertes Verziehen der Mundwinkel, ein offensichtliches Verdrehen der Augen, eine wegwerfende Kopfbewegung, ein stolzes Hochziehen der Brauen, eine leichte Drehung des Körpers? Das war schon Gebärdenpoesie, die sich mit Robert Gernhardt übersetzen ließe:

Der Journalist hat nichts gelernt
Und muss darüber schreiben
So ist er weit davon entfernt
Mucksmäuschenstill zu bleiben

"Gebärdenpoesie ist etwas anderes als Gebärdensprache", sagt Hogekamp. Um auf der Bühne zu wirken, müsse man "über eine Klippe springen". Bevor Tatjana über diese Klippe springt, tut sie sich als Blume schwer und schlängelt ihren Körper eher wie eine müde Topfpflanze nach oben. Aber was wird aus ihr im Laufe der zwei Tage! Als wären Giuseppes Gebärden ein belebender Guss, vertauscht sie den Topf gegen eine Wiese, neigt sich fröhlich in alle Himmelsrichtungen und hält schweren Stürmen stand.

Beim Deaf Slam zählen Mut und Körpereinsatz. Die Mimik muss alle Register ziehen. Die 26 Gesichtsmuskeln werden zu Fäden, an denen die Geschichte des Poeten wie eine Marionette hängt. Poetry-Slam mag der Kampfsport unter den literarischen Gattungen sein. Was beim gewöhnlichen Slammer der Text und die Lautmalerei, ist beim Deaf Slam das effektvolle Nachspielen einzelner Bilder, die zusammengenommen eine Geschichte ergeben. Man könnte es auch stille Lyrik in 3-D nennen.

Am Sonntagabend nach dem Workshop könnten alle Teilnehmer ihr Lampenfieber gebärden. Das Kulturhaus Podewil in Berlins Mitte ist gut gefüllt. Die meisten der 150 Zuschauer sind gehörlos. Giuseppe hat seinen schwarzen Pulli gegen ein rosafarbenes Hemd eingetauscht und guckt feierlich.

Rosige Aussichten erwarten den Sieger: Von Berlin geht es zum Endausscheid in Hamburg, und wer dort gewinnt, darf nach New York fahren, wo es Deaf Slams bereits seit vier Jahren gibt.

Als Mila ihre Geschichte aufführt, wirkt sie in ihrem blauen Pullover wie eine Wolke, die schnell durch die Kulisse zieht und ihre Bilder wie einen Platzregen über das Publikum schüttet. Wenn es BÄÄM macht, wie der Wettbewerb heißt, dann bei ihr. Mila ist die Einzige, die mit Lauten arbeitet. Ein Keuchen und Pusten und verhaltene kleine Schreie begleiten ihre Bilder. Fünf Minuten – mehr Zeit hat sie nicht. Ihre Hände flattern wie aufgescheuchte Spatzen durch die Luft. Gut, dass gedolmetscht wird; man könnte sich sonst kaum einen Reim drauf machen und käme mit dem Verständnis gar nicht hinterher. Aber erstaunt ist man, wie ihr Körper Bilder malt, ja die Bilder frech in die weiße Kulisse kleckst und sie aneinanderreiht. Mila plustert sich auf, wird größer und größer und gurrt bedrohlich. "Eine Eule", übersetzt die Dolmetscherin. Das Publikum lacht. Mila legt einen strengen Uhu-Blick auf und flattert fast schüchtern von der Bühne. Das Publikum reißt die Hände in die Höhe und trampelt. Bestnote. Die gehörlose Claudia dagegen verliert bei der Aufführung den Faden. Das kann einem in der Gebärdensprache nämlich auch passieren. Zum Schluss kniet sie auf dem Boden, lacht und macht eine ausholende Geste: "Ich hab den Faden verloren", übersetzt die Dolmetscherin. Die Hände werden nicht ganz so hoch gerissen; getrampelt wird kräftig.

Zum Schluss gewinnt nicht Mila. Zärtliche Gebärden tragen den Sieg davon. Die gezeigte Erinnerung an seinen verstorbenen Freund aus iranischen Kindertagen macht den jungen Ace zum Star des Abends.

Als alle sich verbeugen, das Publikum tobt, Mila traurig ist, Giuseppe wahnsinnig stolz und der alte Poetry-Slam-Hase Hogekamp vor lauter Rührung bei der Abmoderation einen Kloß im Hals hat, wird klar: Große Gefühle zeichnet uns das Leben ganz ohne unser Zutun ins Gesicht.