Was haben wir nicht alles abgekratzt, herausgerissen, weggespachtelt und geschliffen! Teppichböden, PVC-Schichten, Linoleum, Laminate. Am Ende saßen wir endlich auf dem Original. Wurmstichig, gerissen, fleckig, aber so authentisch und jedenfalls retro: die Vorkriegsdielen aus Omas Tagen. Toll. Später stellten wir dann fest, dass die Originaldielen zwar das Herz wärmen, nicht aber die Füße.

Und jetzt kommt der Teppich wieder! Soeben ging die Fachmesse für Bodenbeläge zu Ende, die Domotex in Hannover. Da wurde Klartext geredet. Im Aufwind: Holz, Kunststoff, Keramik. Linoleum: stabil. Laminat: minus 4,6 Prozent. Und Auslegeware, die Raufaser der Waagerechten, verzeichnete im vergangenen Jahr ein Produktionsminus von 7,9 Prozent. Der Teppich dagegen: Wenn nicht alles täuscht, steht die buschige Kuschelinsel im Wohnzimmer, der heimelig-wärmende, repräsentative Mittelpunkt der bürgerlichen Entspannungszone, vor einer Renaissance.

Spät kehrt der Teppich zurück, aber gewaltig. Nicht etwa als alter Perser (oder Türke oder Afghane oder Inder) – den hält die Domotex traditionell in einer Halle bereit, die staubiger wirkt als andere. Die gestapelte Pracht der Orientteppiche wirkt deprimierend. Nein, der neue Teppich ist ein frisches Produkt unbefangener Designer, die zum Teil aus der Modebranche kommen und die Chance auf den großen Auftritt wittern. Mit lauten Farben wie die Firma Wool and Silk Rugs aus Upper Montclair, New Jersey, USA. Sie hat dieses Jahr den Designpreis der Domotex in zwei Kategorien gewonnen: für das beste moderne Design (»superior«) mit einem in Nepal gefertigten Seide-Wolle-Teppich in Orange und Petrol und einem Patchwork aus kreisförmigen Zeichen. Und für die beste moderne Kollektion mit einem traditionellen chinesischen Motiv in Gold.

Auch der Mut zur großen Blume ist wieder da. From Russia with Love heißt ein üppig-florales Design des wilden Bochumers Jan Kath. Klatschmohn auf schwarzem Grund, über sechs Quadratmeter verteilt. Die Idee entstammt den farbenfrohen Kopftüchern russischer Mütterchen. Der Trend ist überall bei der Neuinszenierung unserer vormals bescheidenen Fußböden zu beobachten: Glamour. Opulenz. Barocke Ornamente. Heftige Farben.

Schon Kaths Klatschmohn überrascht den gewöhnlichen Teppichfreund. In einer Version scheinen zahllose Schnitte durchs Design zu laufen. Auf andere müssen achtlose Maler gekleckert haben – große weiße Flecken zerstören den symmetrischen Gesamteindruck.

Der Bochumer Designer gehört zur dritten Generation einer Teppichhändler-Dynastie. Er belässt es nicht bei großen, knackigen Mustern. Er ficht über seine inzwischen international bekannten Teppiche den Konflikt mit seinen Vorfahren und ihrer konservativen Branche aus. Und zwar wahrhaft freudianisch: Kath macht kaputt! Er selbst spricht lieber von »Dekonstruktion«.

In alten indischen und türkischen Knüpfereien lässt er traditionelle Muster mit brutalen Störungen versehen. Das Ergebnis ist dann zum Beispiel ein Teppich, den man landläufig Perser nennen würde, der aber wie von Motten zerfressen aussieht. Oder wie feucht geworden, auch mal völlig verpixelt, sich auflösend wie ein digitales Fernsehbild. Mancher Teppich scheint von einem Sprayer behandelt zu sein.

»Wir greifen die Qualität an«, sagt Kath und meint den steifen Grundkonsens seiner Branche. Der Gipfel seiner Teppich-Attacken ist, was Kath das »Killer-Finish« nennt: Mit Feuer und Flamme rückt er einigen seiner exklusivsten Teppiche aus feinster Seide und hochwertigen Wollsorten zu Leibe. Ein Gasbrenner, wie ihn Dachdecker benutzen, versengt die Teppichoberfläche. Die Asche wird mit großen Rakeln abgekratzt, der Teppich gewaschen, dann wieder angekokelt. Am Ende sieht das Material steinalt aus; der Flor ist geschrumpft, die Kettfäden scheinen durch. Antik, benutzt, mit Spuren von Leben versehen. Erased Heritage heißt seine kühnste Kollektion aus zerstörtem Altmaterial, zu Deutsch »ausradiertes Erbe«. Die Messe belohnte dies ausgerechnet mit dem Preis für die »beste traditionelle Kollektion«.

Eine derart aggressive und zugleich aufwendige Produktion – zwei, drei Monate lang schuften die indischen Knüpfer an einem einzigen Teppich – führt zu vierstelligen Quadratmeterpreisen und inspiriert, wie auf der Domotex zu sehen war, Konkurrenz und Plagiatoren. Dabei ist die Idee der Veredelung durch destruktive Behandlung so ganz neu nicht. In der Mode spricht man bei dieser Art künstlicher Alterung von Vintage; die stonewashed Jeans ist das populäre Beispiel.

Vintage im Bereich der häuslichen Oberflächen ist dagegen noch recht neu, genauer gesagt: der Vintage-Look. Jeder Laminathersteller hat heute unterschiedliche Gammel-Designs im Angebot. Auf die optische Schicht eines Laminats, das Fotopapier, kann man schließlich auch verschimmelte oder mit Kalk bepuderte Dielen drucken. Manche Flächen scheinen bemoost zu sein, zentimeterbreite Scheinrisse sind keine Seltenheit.