Als sich die Staats- und Regierungschefs der EU im Dezember 2007 trafen, um feierlich den Vertrag von Lissabon zu unterzeichnen, fehlte einer von ihnen. Gordon Brown, der britische Premierminister, kam später und unterschrieb erst, als die Kameras schon abgebaut waren. Der Brite wollte nicht mit einem Dokument in Verbindung gebracht werden, das Brüssel noch mehr Rechte garantierte. Seine europäischen Kollegen ließen Brown damals gewähren; die EU hat sich an manche Eigenheiten der Briten gewöhnt.

Fünf Jahre später will Browns Nachfolger David Cameron die Geschäftsgrundlage mit der EU neu verhandeln (siehe Interview mit Europaminister Lidington). Diesmal können die anderen Regierungschefs den Briten schwerlich ignorieren. Umgekehrt kann es sich aber auch Cameron nicht erlauben, Merkel und die anderen zu brüskieren. Will er Erfolg haben, braucht er Verbündete in der EU. Groß ist die Auswahl dabei nicht.

Einen Fingerzeig, wo Cameron nach Unterstützung sucht, liefert seine groß angekündigte und immer wieder verschobene Europa-Rede, die er an diesem Freitag in den Niederlanden halten wird.

Tatsächlich sind die Niederlande wie Großbritannien eine Handelsnation, die an der EU vor allem den Binnenmarkt schätzt. Außerdem hatte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte, ein skeptischer Europäer, im zurückliegenden Wahlkampf damit gedroht, weitere Integrationsschritte der EU zu "blockieren". Dumm nur, dass Rutte über Camerons Wunsch, in den Niederlanden zu reden, offensichtlich nicht informiert war. Kaum machte die Nachricht aus London in Den Haag die Runde, bemühte sich ein Sprecher Ruttes um Distanz. Die niederländische Regierung wisse nichts von dieser Rede und sei schon gar nicht an ihrer Vorbereitung beteiligt: "Wir sind auch nicht daran interessiert, unsere Beziehungen zur EU neu zu definieren." Unterstützung hört sich anders an.

Noch hat die britische Regierung nicht ausgeführt, welche Rechte sie genau von der EU zurückfordern möchte. Um überhaupt Aussicht auf Erfolg zu haben, muss sie versuchen, ihr Anliegen möglichst allgemein zu formulieren. Bloß keine weiteren Exzentrizitäten! "Wir haben doch alle Vorbehalte! Kommt und benennt sie zusammen mit uns", werben daher britische Diplomaten. Doch selbst die Regierungen, die einen weiteren Souveränitätstransfer zugunsten der EU ablehnen, fürchten sich davor, die bestehenden, mühsam verabredeten Regelungen wieder aufzudröseln.

Schon einmal hat sich Cameron auf der Suche nach Verbündeten in der EU verrechnet. Im Dezember 2011 hatte er versucht, auf einem dramatischen EU-Gipfel den deutschen Plan eines europäischen Fiskalpaktes zu torpedieren. Doch statt auf Camerons Forderung nach neuen Regeln zugunsten des britischen Finanzsektors einzugehen, beschlossen Merkel & Co. den Fiskalpakt kurzerhand ohne ihn. Morgens um 4 Uhr, als es zum Schwur kam, stand Cameron allein mit seinem tschechischen Kollegen. Selbst Dänemark und Schweden, traditionell Verbündete in der EU, rückten von Großbritannien ab.

Auch Polen stand Großbritannien lange Zeit nahe. Der polnische Finanzminister, ein Kind von Emigranten, ist in London aufgewachsen und war einmal Mitglied der britischen Konservativen, Camerons Partei. Der polnische Außenminister Radek Sikorski hat in Oxford studiert. Vor einigen Wochen kehrte er dorthin zurück, lobte Margaret Thatcher und erinnerte an historische Verdienste: Wenn Großbritannien wolle, könne es eine führende Kraft in der EU sein. Dann warnte er seine Gastgeber: "Wenn Sie Europa ablehnen, erwarten Sie bitte nicht, dass wir Ihnen dabei helfen, die EU zu zerstören oder zu lähmen." Noch, kurzum, steht Cameron ziemlich allein da.