Gemeinhin wird die Gartenkunst unterschätzt. Dabei locken Gärten immer mit dem Versprechen, nicht nur das Auge, sondern alle Sinne zu stimulieren. Und wer eintaucht in die Ideenwelt historischer Gärten, erfährt zudem schnell, dass diese Kunst auch intellektuell einiges zu bieten hat.

Zu den Kunsthistorikern, die sich dem Garten immer wieder zuwenden, gehört Horst Bredekamp. Er ist einer der Repräsentanten des deutschsprachigen Wissenschaftsbetriebs, denen es gelingt, Leserkreise über das Universitätspublikum hinaus für seine Fragestellungen zu interessieren, ohne dass er dabei Abstriche in Sachen wissenschaftliche Exaktheit und analytische Tiefenschärfe machen würde. Man sieht einem geistreichen und zugleich akkuraten Kunstwissenschaftler bei der Arbeit zu und kann mit ihm zu neuen Erkenntnissen über den jeweiligen Gegenstand gelangen. Aktuell ist das der Große Garten von Hannover-Herrenhausen.

Es geht dabei nicht um Kunst und Architektur des Barock und nur am Rande um die politische Kultur des Absolutismus (die in den Bemühungen, das ewige Vorbild Versailles, wenn schon nicht an Größe, so doch wenigstens mit einer höheren Wasserfontäne zu übertrumpfen, in ein eindringliches Bild gemünzt ist). Stattdessen – und das mag zunächst verblüffen – folgen wir den oft bahnbrechenden, mitunter aber auch aberwitzig anmutenden Ideen und Gedankenexperimenten des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) bis weit in ihre Verästelungen hinein. Aber Bredekamp führt anschaulich und überzeugend vor, wie der Garten den Denker inspiriert und wie der umgekehrt im Garten seine Ideen gespiegelt findet. Das ist möglich, weil der Garten und das Denken der Zeit auf dem gleichen Fundament stehen: der Philosophie des Rationalismus, der zufolge alle unsere Ideen – auch die der Schönheit, wie sie sich im Garten zeigt – in unserem Verstand entstehen, mit der Mathematik als Leitwissenschaft. Eine Generation später wird dieses Gedankengebäude zunächst in England von einem programmatischen Sensualismus abgelöst, der unterstellt, dass alle Ideen den Sinneseindrücken folgen. Ein dieser Ideologie angemessener Garten ist dann nicht mehr mathematisch, symmetrisch, geometrisch wie der von Herrenhausen, er geriert sich vielmehr als Abbild der Natur selbst in ihrer Wildheit und Unregelmäßigkeit.

Der Sinnesreiz wirkt intellektuell, und das auch in der Kleinheit

Mit Verve geht Bredekamp gegen die Behauptung vor, erst dieser sogenannte Landschaftsgarten nach englischem Vorbild symbolisiere die Freiheit der Gedanken. Er findet sie im Barockpark. Sein Kronzeuge ist Leibniz, der auf Spaziergängen mit der Kurfürstin in Herrenhausen dem Prinzip der individuellen Freiheit begegnet. Ausgangspunkt ist eine Anekdote, die einen folgenreichen Gedanken auf den Punkt bringt: die Unmöglichkeit, in diesem Garten, der so sehr den Formen der Geometrie zu gehorchen scheint, zwei Blätter zu finden, die sich vollständig gleichen. Bredekamp konstatiert, dass Leibniz "im geometrischen Garten das fand, was spätere Interpreten erst im Landschaftsgarten zu erkennen meinten: die Freiheit des Individuellen". Es ist diese sinnliche Inszenierung zeitgenössischer Ideen, die den intellektuellen Reiz historischer Gärten ausmacht – der formalen französischen ebenso wie der pseudowilden englischen, die genauso künstlich sind, nur nach den Gesetzen einer anderen Kunst angelegt.

Die Freiheit des Individuellen ist keineswegs die einzige Leibnizsche Erkenntnis, die Bredekamp nachvollziehbar, wenngleich mitunter auf Umwegen, auf das Erlebnis des Herrenhauser Gartens zurückführt. Leibniz konstruiert Wasserfontänen, reflektiert über Lichtspiele, und er stößt über praktische Lösungen für die Parkgestaltung immer wieder zu Grundlagen seines epochalen Gedankengebäudes vor. Es ist faszinierend, wie Bredekamp dem ein ums andere Mal nachgeht. Dabei stellt er fest: "Das Unnachahmliche von Leibniz’ Perzeptionstheorie liegt darin, dass sie auch den unbewusst auftretenden Phänomenen einen begrifflichen Effekt zuspricht. Der Sinnesreiz wirkt intellektuell, selbst wo er durch Kleinheit oder Dauer vom Fokus der bewussten Aufmerksamkeit versperrt ist. Die Seele [...] denkt selbst, wenn sie sich der Gedanken nicht bewusst ist." Damit charakterisiert Bredekamp, indem er Leibniz paraphrasiert, das Prinzip nicht nur des Herrenhauser Gartens, sondern aller Gartenkunst. Das Besondere der Konstellation, der Bredekamp nachspürt, besteht darin, dass ein großer Geist auf einen besonders effektvollen Großen Garten gestoßen ist: "Angesichts seiner bis heute uneingeholten Überzeugung, dass auch und gerade die unbewussten Sinneswahrnehmungen in ihrer Diffusität ein Modell aller Erkenntnis abgeben, hat der Große Garten von Herrenhausen auf ihn offenkundig wie ein Treibhaus von Erkenntnissen gewirkt, die von der Definition des Charakters der Schöpfung bis hin zur Konzeption der Zeit reichen."

Mit großem Furor nimmt Bredekamp den formalen Barockgarten gegen den pseudonatürlichen Landschaftsgarten in Schutz. Dabei sortieren sich die Gegensätze, wenn man den Gartenformen historisch folgt: Im 17. Jahrhundert waren die Ideen des Sensualismus sowie eines ihnen folgenden Gartens, der sich gibt wie die freie Natur, weder ausformuliert noch zu Ende gedacht.

Vor Aufklärung und Romantik: Barockgärten regten den Geist an

Als es dann so weit war, fiel die Opposition, die die Propagandisten des Landschaftsgartens gegen den formalen Garten, gegen den Barock, gegen Frankreich, gegen den Absolutismus schürten, auf fruchtbaren Boden. Wer den Garten des Barock und die Philosophie des Rationalismus verstehen, erfahren und erleben will, muss hinter die sensualistische Landschaftserfahrung von Aufklärung und Romantik zurück. Das ist nicht einfach, denn jene Erfahrung ist im Kern noch unser heutiges Verständnis von Natur. Umso spannender ist ein Ausflug in die Garten- und Gedankenwelt des 17. Jahrhunderts, zumal wenn er so fachkundig geführt ist wie in diesem Buch. Abbildungen und Ausstattung des schönen Bandes machen es einem leicht, sich auf kühne Gedanken und vergessene Erfahrungen einzulassen. Wie ein gelungener Garten lockt Bredekamps Buch in eine ferne Zeit und zu mitunter fremd anmutenden Ideen, in denen doch ein wichtiger Teil der Vorgeschichte unserer Erfahrung von der Welt aufgehoben ist.