Als wir im Sommer 2011 die ersten Zelte auf dem Rothschild Boulevard mitten in Tel Aviv aufstellten, ahnte ich noch nicht, dass ich zwei Tage später meinen Job als Journalistin kündigen und meine Masterarbeit über Musik und Konfliktlösung hinschmeißen würde. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer davon, dass ich zwei Winter später, nach unzähligen schlaflosen Nächten, ein Mitglied des israelischen Parlaments, der Knesset, werden könnte. Aber ich habe mich entschieden, bei diesen Wahlen für die Arbeiterpartei zu kandidieren.

Wie viele andere junge Israelis auch war ich, als die Proteste anfingen, verzweifelt über unser politisches System. Bei den Wahlen 2009 wusste ich nicht, für wen ich stimmen soll oder wem ich vertrauen kann. Ich war nun eine Aktivistin und verbrachte sehr viel Zeit damit, zu demonstrieren und Ausschüsse zu organisieren – aber die ganze Arbeit verlief außerhalb des Parlaments. Ich wollte so weit weg wie nur irgend möglich von einem System sein, das ich als korrupt empfand und das den Vertrag mit uns gebrochen hat: jenen Vertrag, der uns Bürger dazu anhält, unsere Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft und dem Land zu erfüllen – durch den Militärdienst, das Zahlen von Steuern, die Befolgung von Gesetzen –, und die Regierung dazu verpflichtet, Verantwortung für unsere Grundbedürfnisse zu tragen; jenen eine Unterkunft zu geben, die kein Geld für ein eigenes Dach über dem Kopf haben; ein Gesundheitssystem zu garantieren, das weder von der sozialen Stellung noch vom Einkommen abhängt. Aber unsere Regierungen haben eine nach der anderen diesen Vertrag gebrochen. Sie schmissen diese gewaltige Verantwortung einfach hin – für Geld, für Ehre, aus Wahlkalkül oder einfach aus zynischer Faulheit.

Als die Protestbewegung begann und unsere winzigen Zelte auf dem Rothschild Boulevard mehr und mehr wurden, bis sie sich schließlich über ganz Israel verbreiteten, als wir zu den großen Demonstrationen gingen, die von Millionen Israelis unterstützt wurden, da glaubte ich noch immer nicht an die Politik. Ich war mir sicher, der Wandel kann nur von der Straße kommen. Nur das Volk hat die Kraft, etwas zu ändern. Wenn wir auf einmal Teil des Systems würden, dann würde das bedeuten, genau dieses System zu akzeptieren.

Wir jungen Israelis fühlen, dass der Weg, den unsere Heimat genommen hat, sich vor langer Zeit verändert und von uns entfernt hat. Die israelischen Grundwerte wie Solidarität, Demokratie und Gleichheit sind verschwunden; stattdessen sind wir zurückgeblieben mit einem kaputten Sozialsystem, mit halb privatisierten Schulen und Krankenhäusern, mit Hunderttausenden Zeitarbeitern, mit völlig überhöhten Preisen für Benzin, Lebensmittel und Wohnraum – was die Schere zwischen Arm und Reich so weit wie nie zuvor öffnet, jede Möglichkeit zur sozialen Mobilität verhindert, unsere Gesellschaft teilt und in Angst leben lässt.

Über Jahre haben wir uns traumatisiert und voller Hass bekämpft: Juden gegen Araber; osteuropäische Juden gegen jene aus dem Nahen Osten; Ultraorthodoxe gegen Säkulare. Wir sind keine ganz einfache Gesellschaft, die sich dazu noch in einer sehr schwierigen Nachbarschaft befindet. Und dennoch kann diese Gesellschaft wundervoll sein – wenn die Regierung ihre Verpflichtung wahrnimmt, eine soziale Grundsicherung aufzubauen, die jedem Mobilität, Aufstiegsmöglichkeiten und ein Grundmaß an Sicherheit garantiert.

Es fühlt sich an, als müssten wir unser Land neu aufbauen. Aber wie geht das? Sicher, wir alle kennen ein paar Leute, die schon einmal einen Staat aufgebaut haben. Meine Großeltern zum Beispiel. Mein Großvater Jitzak wurde 1930 in Tel Aviv geboren, er kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948. Er starb, als ich neun Jahre alt war. Ich konnte ihn nicht fragen, wie das geht, einen Staat aufzubauen. Ein Jahr nachdem mein Großvater starb, wurde der Premierminister Izchak Rabin erschossen, mit dessen Bemühungen der Frieden für uns zum ersten Mal greifbar wurde. Der Mord an ihm hat die Hoffnung vieler aus meiner Generation zunichtegemacht.

Rabins Geschichte, die in allen Zeitungen verbreitet wurde, war mit der Geschichte meines Großvaters verflochten. Obwohl mein Großvater das Lernen liebte, verließ er die Schule, als er 14 Jahre alt war. Er musste wie viele andere das Land aufbauen. »Nur Dummköpfe wie wir machten vergnügt damit weiter, einen Staat aufzubauen, ohne zu wissen, was ein Staat ist«, schrieb der bekannte israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk, der 1930 geboren wurde, im selben Jahr wie mein Großvater.

Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich nur darüber nachdenke, welcher Mut nötig war, aufzustehen und zu handeln, scheinbar aussichtslos und ohne zu wissen, ob es funktionieren würde.