Bevor das Jahr zu Ende ging, kam Post von einem Verlag ins Haus. Das ist häufiger der Fall. Aber es gibt einen deutschen Verlag, dessen Zusendungen mich beglücken, mich schlagartig von Sorgen, Nöten und Neurosen befreien. Es handelt sich um die Briefumschläge, in denen sich der Prospekt des Konkursbuchverlages von Claudia Gehrke befindet. Denn ich weiß: Was auch immer geschieht, ob mein Auto verreckt oder die Chinesen die Weltmacht übernehmen, an der Post von Claudia Gehrke wird sich nichts ändern. Sie ist der Fels in der Brandung, seit dreißig Jahren.

Denn seit genau dreißig Jahren bringt Claudia Gehrke in Tübingen ein Jahrbuch der Erotik heraus, das den Titel Mein heimliches Auge trägt. Es enthält Fotos, Grafiken und Bilder, die unbekleidete Menschen in lasziven Posen abbilden. Die Herausgeberin gründete die Reihe vor dreißig Jahren, um dem patriarchalen Blick auf Leiber einen weiblichen entgegenzusetzen. Am Anfang kam Mein heimliches Auge nur alle drei Jahre heraus, dann, dank des Erfolges, jedes Jahr. Aber bedeutsamer als der Erfolg dürfte hier die ästhetische Geradlinigkeit sein. In drei Jahrzehnten hat sich am Stil der Aktposen von Mein heimliches Auge nichts, wirklich gar nichts verändert. Nur an der Wirkung. Im Jahr 1982, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, wirkte Mein heimliches Auge erschütternd skandalös. Heute hätte ein Zehnjähriger mit Internetanschluss Schwierigkeiten, das Jahrbuch der Erotik als solches überhaupt zu identifizieren. Aber das bringt Claudia Gehrke nicht vom Weg ab. Wenn irgendjemand in diesem Land für die heroische Leistung kultureller Verlässlichkeit einsteht, dann diese Frau aus Tübingen.

Ich glaube, ich hatte noch nicht einmal den Führerschein, als ich zum ersten Mal in einem Buchladen Mein heimliches Auge entdeckte. Wahrscheinlich war es ein sogenannter alternativer oder ein Frauenbuchladen, in dem nebenbei auch indische Importware verkauft wurde. Ich fahre inzwischen mein viertes Auto, und Buchläden mit Patschuliöl gibt es nur noch sehr selten. Aber Mein heimliches Auge gibt es immer noch. Die Mauer fiel, und Claudia Gehrke gab Mein heimliches Auge heraus. Gerhard Schröder wurde Bundeskanzler, und Claudia Gehrke gab Mein heimliches Auge heraus. In New York ereignete sich ein Terroranschlag auf das World Trade Center, und Claudia Gehrke gab Mein heimliches Auge heraus. Ulla Unseld-Berkéwicz hatte Siegfried Unseld noch gar nicht kennengelernt, da gab Claudia Gehrke schon Mein heimliches Auge heraus.

Es wird Schlimmes passieren, wenn es Mein heimliches Auge einmal nicht mehr gibt. Das Ende dieser Reihe wäre ein Menetekel für unser gesamtes kulturelles, ja zivilisatorisches Leben. Wo Oper, Zeitungen, Kino, Theater, Bibliotheken, Museen, Galerien waren, wird Wüste sein, sollte Mein heimliches Auge den Geist aufgeben. Man hat Claudia Gehrke übrigens noch nie lamentieren hören, wie unsäglich schwierig es heutzutage ist, einen Verlag zu führen und zu finanzieren. Sie macht’s einfach. Wie sie das wirtschaftlich schafft, ist im Grunde rätselhaft. Ich verneige mich und warte auf Post im neuen Jahr. Ursula März