Natürlich sagt es niemand. Man sagt, der Kandidat sei grob, eitel, arrogant. Keiner sagt: Der Typ ist zu bullig, ohne Sixpackverdacht. Er schwitzt. Der Kopf ist ein kantiges Ei, wo sind die Haare? "Leck mich!", würde ein Peer Steinbrück jetzt sagen, wäre ihm das nicht gerade verboten worden, der Politikberater Gerd Langguth hat dem Kandidaten geraten: "Er muss frisch, aggressiv, aber gleichzeitig verbindlich sein."

Politikberater! Frauen können Politikerstyling. Leider kann man sie gerade nicht fragen, sind zu Jahresbeginn mit ihrem eigenen Image sehr beschäftigt. Man darf sie auf dem Weg in die Bahnhofsbuchhandlung vermuten, wo die Januar-Magazine kinnhoch gestapelt liegen, dort blättern sie in noch feuchten Yogawochenplänen oder haben schon das Handy am Ohr, um diesem Personal Trainer hinterherzutelefonieren, der im Fitnessheft mit wahnsinnstätowierten Armmuskeln die kleine Blonde ausbalanciert.

Tätowierung ist ja sehr angesagt. Die beiden Langweiler für die Präsidentschaft in Tschechien, Miloš Zeman (ehemals Ministerpräsident) und Jan Fischer (ehemals Kommunist), mussten bangen, ob sie trotz jahrelanger Kärrnerarbeit, die ihre Mimik in absackende Landschaften verwandelt hat, abgedrängt werden von einem, dessen Gesicht ein Kassandragewirbel düsterer Schlangenlinien ist. Vladimír Franz! Kandidat der Rechten, auch Dramatiker, Komponist, Professor. Die Bildzeilen sprachen auf verwirrende Weise von "Ganzkörpertätowierung", was die Gedanken schweifen ließ. Nicht zu Steinbrück.

Vladimír Franz schaffte es nicht, was bleibt, ist die Frage: Was muss ein Politiker drauf haben? "11 Handgriffe, die jeder Mann beherrschen muss!", wie ein deutsches Männermagazin dröhnt? "Ob Tennis oder eine Tracht Prügel: Einhändig schlagen bietet mehr Reichweite, beidhändig hat mehr Bumms"? Wer die Wählerin bezaubern will, bleibt da nicht hängen. Man stellt sich vor, wie ein Rösler im Fond seiner Limousine auf das iPhone starrt, auf dem Obama federnd eine Bühne betritt, so frech lächelt, das Jackett abstreift, am Mittelfinger nach hinten schwingen lässt – heul. Jackett und Hose sind vermintes Gelände. Es nützt ja nichts, dass Gucci bis Hermès gerade Mintgrün und Orange als neue Farbe setzten. Die Etikette beim Politikeranzug ist rigide, wie sehr, zeigt ein Foto aus der letzten Woche, in welcher der US-Sicherheitsberater Tom Donilon auf Xi Jinping traf, Generalsekretär der Kommunisten Chinas, da saßen sie, ehemals Feinde, unter der Fototapete, Kranich an Fluss – zwei blaue Anzüge, zwei blaue Krawatten. Was hat Pep? Selbst Thomas Strerath, Chef der Werbeagentur Ogilvy, wagt sich kaum über zwei, maximal drei geöffnete Knöpfe unterm Kinn hinaus.

Bleibt das Accessoire. Man erinnert sich ungern daran, wie der öde François Hollande die marienheilige Ségolène gegen eine blonde Sirene austauschte, die dann Ségolène anzickte und Hollande wie einen Tölpel aussehen ließ, der seine neue Frau nicht in den Griff bekam. Eher auf Freizeitfeeling gehen? Mit der neuen Hasselblad Lunar APS-C HD, 24,3 Megapixel, Edelholzgriffmulde, ein Tipp aus der Vogue Italia? Teures Teil, für Steinbrück prima, einsetzbar höchstens beim Ortsverein München. Wo der Janker vorgeschrieben ist, Leinen, Hornknöpfe, Stehkragen, ein Mao-Kittel für Jodler. Das war’s auch schon für den deutschen Politiker. Es läuft darauf hinaus, was ich bewundere: Ohne Skinsmoother und Wimpernbooster müssen sie raus, Männer im unauffälligen Garn, sie stehen da, die Lippen trocken, die Äderchen geplatzt, das Haar schütter, und wenn das stillos ist, dann, Männer, zeigt es doch Tapferkeit!