Die humanitäre Pflicht erlaubt keinen Widerspruch: Wenn Menschen gequält und gemordet werden, müssen Staaten helfen, die es könnten. Das Problem beginnt immer beim "Wer, wie, wo und wie lange?". In Mali hält sich Berlin nach Libyen zum zweiten Mal zurück: Hilfe ja, Kampfeinsatz nein. Es ist ein klassischer deutscher Reflex; bei der Begründung ist die Regierung noch bescheidener als bei den vagen Zusagen. Es gibt keine außer de Maizières "Kommt nicht infrage".

Nun weiß der realpolitische Verstand, dass es nie nur ums Humanitäre geht. Der französische Präsident ist nach Libyen zum zweiten Mal vorgeprescht. Sarkozy hatte damit innenpolitisch gepunktet, dem blassen, glücklosen Hollande gelingt dies jetzt auch. Honi soit qui mal y pense – ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Umgekehrt wissen Merkel und Kollegen, dass der deutsche Wähler solche Einsätze nicht schätzt. Innenpolitik überall. Genauer nachdenken sollten indes beide, die Deutschen wie die Franzosen.

Die Deutschen: An Guido Westerwelles Analyse gibt es nichts zu bekritteln. Mali zerfällt, Al-Kaida ist auf dem Vormarsch, die Hauptstadt in Gefahr. Es darf dort keine "neue Hochburg des Terrorismus" entstehen. Aber wieso nicht handeln, wenn das strategische Interesse sich so deutlich mit dem humanitären vereint? "Franzmann, geh du voran" riecht nach Trittbrettfahrerei.

Die Franzosen: Sie haben registriert, dass die amerikanische Afrika-Strategie – Ausbilder und an die 600 Millionen Dollar – in Mali gescheitert ist. Malis Elite-Einheiten sind mitsamt ihrem schweren Gerät zu den Islamisten übergelaufen, die übrigens das Kriegshandwerk in Libyen perfektioniert haben – eine giftige Frucht der Intervention von 2011. Also zu den Waffen, und zwar zu denen, die der Westen am besten beherrscht: Jets, Bomben und Raketen. Bloß: So einfach läuft der Krieg gegen Dschihadisten nicht. Nach dem ersten Schock haben die sich zum erfolgreichen Gegenangriff formiert. Der nächste Schritt wäre der Städtekampf in den Islamisten-Bastionen im Norden, also keine bequeme Attacke aus lichter Höhe.

Das Problem ist immer der nächste Schritt – und dieser in einem gescheiterten Staat wie in Somalia, Jemen, Afghanistan... Wer A sagt, muss B, C und D sagen. Er muss die Terror-Krieger erst stoppen, dann schlagen. Dann Sicherheit im ganzen Land garantieren, dann die Armee, die Verwaltung, die Wirtschaft aufbauen. Dieser Krieg kennt kein Abzugsdatum. Oder er endet wie in Afghanistan. Sind die USA von 2014 an raus, sind die Taliban wieder da. Wer reingeht, muss bleiben – wie auf dem Balkan, seit 20 Jahren. Das hat Hollande nicht bedacht. Er hofft bloß, dass Frankreich – so sein Außenminister – "nicht allein in Mali" bleibe.

Krieg im 21. Jahrhundert ist kein Gemetzel von Massenheeren mehr, aber weder kurz noch billig, noch entscheidend (der Erste Weltkrieg war nach vier, der Zweite nach sechs Jahren vorbei). Er muss "nachhaltig" sein, und das halten die Demokratien nicht durch. Also gar nicht erst A sagen? Das geht auch nicht, wie der Fall Mali zeigt. Frankreich schafft es nicht allein, und auf Obamas Amerika ("von hinten führen") ist kein Verlass mehr. Die Deutschen werden sich daran gewöhnen müssen, strategisch und langfristig zu denken. "Kommt nicht infrage" ist keine Staatsräson, sondern nur ein Reflex.