Sexueller Missbrauch gehört zu den schlimmsten menschlichen Untaten – quer durch die Jahrtausende. Dass die Opfer heute nicht mehr zwangsläufig stumm bleiben, ist ein enormer Fortschritt. Und wer sich vor skandalisierenden Schlagzeilen ekelt, sollte bedenken, dass sie für viele noch Schweigende befreiend wirken können. Insofern hat auch Pola Kinski befreiend gewirkt, nicht nur für sich selbst: In der vergangenen Woche machte die Schauspielerin öffentlich, dass ihr 1991 verstorbener Vater Klaus Kinski sie von ihrem fünften bis zu ihrem 19. Lebensjahr regelmäßig sexuell missbraucht und vergewaltigt habe. Vorab in einem Stern- Interview, dann in ihrem Buch Kindermund (Insel Verlag, Berlin) schildert sie ihren Vater als Verbrecher – und stellt sein Genie infrage: Auf der Leinwand habe er sich stets bloß so brutal wie im Leben verhalten.

Ob Kinskis Kunst nun Kinskis Wahn heiligte oder sein Wahn die Kunst: Das "System Kinski" als Gesamtkunstwerk ist mit diesen Enthüllungen zusammengebrochen, unwiederbringlich. Fast nahtlos fügt der Fall sich in die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche, an der Odenwaldschule, bei der BBC. Gleichwohl stellt sich die Frage: Dürfen wir den Schauspieler und Künstler trotz des Verbrechers weiter bewundern – obwohl wir mit dem Opfer fühlen? Wie weit Michael Jackson bei seinen Jungs ging, wird man nie genau wissen. Viele Menschen sind hingerissen von den Gemälden Caravaggios, der ein Mörder war. Die Bücher des französischen Philosophen Louis Althusser werden gelesen, obwohl er 1980 seine Frau erwürgte. Solche Spannungen werden wir künftig auch bei Klaus Kinski aushalten lernen. Denn Werner Herzogs Film Fitzcarraldo ist und bleibt ein Meisterwerk – mit Kinski in der Hauptrolle.