Jeder Regisseur hege den Wunsch, den Sex zu filmen und den Tod zu dokumentieren, schrieb Nagisa Oshima in seinem Essay Das pornografische Kino – eine experimentelle Theorie. Die beiden großen Tabus waren für Oshima, den radikalen Erneuerer des japanischen Nachkriegskinos, ein Mittel zur wütenden Herausforderung seiner Gesellschaft. Für Oshima, 1932 in Kyoto geboren, ging die japanische Kapitulation im Zweiten Weltkrieg einher mit der kulturellen und gesellschaftlichen Kapitulation vor den USA. Er glaubte an kommunistische Ideen und an die Subversion des Kinos. Er drehte Filme über Scheiternde, Verlorene, Mörder, obsessiv Liebende. Nackte Jugend (1960), der Titel seines ersten Kinoerfolges, könnte programmatisch über seinen frühen Filmen stehen. Aus ihnen spricht die Wut einer Jugend, für die der wirtschaftliche Aufschwung im Japan der fünfziger und sechziger Jahre außer Reichweite lag. Sing a Song of Sex, gedreht 1967, übernimmt die Bewegung seiner irrlichternden Figuren und folgt den improvisierten Dialogen von vier Studenten, die sich mit Alkohol und Sex berauschen. Warum auch sich abrackern für den Platz in einer Gesellschaft, die ihre Kriegsverbrechen verdrängt und mit unverrückbaren Hierarchien vor ihrer Erneuerung flüchtet? Grab der Sonne zeigt 1960 die schwitzenden, geschundenen Bewohner eines Slums in Kawasaki, zwischen Müllkippen, illegalem Bluthandel, gewalttätigem Sex. In Nacht und Nebel über Japan wiederum ist die Kamera ein strenger Ermittler, auch in eigener Sache. Fragend fährt sie an einer Hochzeitsgesellschaft entlang, einer früheren linken Protestgruppe, die sich großteils in der Bürgerlichkeit eingerichtet hat. Wer hat aufgegeben, wer hat die Träume verraten? Die Produktionsfirma zog den angeblich politisch extremen Film, der doch getragen ist von einer fast zärtlichen Haltung gegenüber seinen desillusionierten Figuren, nach wenigen Tagen aus den Kinos zurück. Daraufhin gründete Oshima seine eigene, unabhängige Filmproduktion namens Sozosha.

Seine Filme seien eine Art von Verbrechen, sagte Oshima einmal, weil er stets versucht habe, den Konsens zu zerstören. Mit schöner Poesie berief er sich darauf, dass Filmemachen im Japanischen nicht nur bedeute, Bilder zu machen, sondern auch Bilder wegzunehmen. Tatsächlich raubte Oshima seinem Publikum alle Illusionen und Gewissheiten. Am heitersten in Max mon amour , wo Charlotte Rampling als Diplomatengattin eine Liebesgeschichte mit einem Schimpansen erlebt.

Am konsequentesten 1972 in einem Film, der heimlich in einem kleinen Studio in Japan gedreht und in Frankreich belichtet und geschnitten wurde: Im Reich der Sinne. Es ist der einzige Hardcore-Porno, der Filmgeschichte geschrieben hat. Die zitternden Lippen der Frau; das vor Lust verzerrte Gesicht des Mannes nach dem Höhepunkt – Oshima greift Motive des Sexfilms auf, doch gebärdet sich seine Kamera niemals voyeuristisch. In Tableaus, deren Zeichenhaftigkeit an die traditionellen japanischen Farbholzschnitte erinnert, macht er das Verlangen zum Thema, zum Medium, zum hypnotischen Fixpunkt des Films. Wenn man so will, dann ist Im Reich der Sinne die ästhetische Sublimierung der Entsublimierung.

Die Besessenheit der beiden Liebenden verströmt eine untergründige Verzweiflung. Während die Gier der Frau nach Sex schier unersättlich ist, wird der Mann zum Objekt und zur Befriedigungsmaschine. Oshima beschrieb diesen in Japan verbotenen, in Deutschland beschlagnahmten und bald weltberühmt gewordenen Film stets als radikale Umdeutung der traditionellen japanischen Geschlechterverhältnisse. Doch auch in diesem Film war er zu hellsichtig, um am Ende die Möglichkeit einer Befreiung vorzugaukeln. Auf die Frage, unter welcher Unterdrückung er in seinem Leben am meisten gelitten habe, antwortete Oshima, der große Kinoanarchist, in einem Interview: "Unter der eigenen." Am vergangenen Montag ist Nagisa Oshima im Alter von achtzig Jahren in Fujisawa gestorben.