Innerhalb weniger Tage sind zwei der größten deutschen Schauspieler gestorben, Thomas Holtzmann, 85, und Peter Fitz, 81. Der eine war ein Verschlossener, der die Welt vom Rand durchschaute, der andere war ein geborener Mittelpunktsmensch, der im Zentrum die Tiefen auslotete, über denen wir uns auf dünnem Eis bewegen. Gemeinsam hätten sie ein ungeheures Gesellschaftspandämonium auf die Bühne bringen können.

Thomas Holtzmann trat stets so auf die Bühne, als sei sie eine Lichtung, auf die er von seinen Verfolgern getrieben worden ist. Man ahnte: Gleich muss er wieder fort, weil er in der Dunkelheit etwas zu Ende zu bringen hat, in das er uns nicht einweihen kann. Er ist nur hier, um sich zu besinnen, Atem zu holen, die nächsten Züge zu bedenken. Sodass alles, was er sprach und tat, wie Decktext, Vertuschungshandeln für etwas Unaussprechliches, mit der Öffentlichkeit nicht Teilbares erschien.

Als das Auffälligste an ihm galt sein Gesicht: eine Fläche, die sich im Lauf der Jahre immer mehr zerklüftete – in störrische, untereinander zerstrittene, um Autonomie streitende Kleinregionen. Wenn er dachte, stand jede Gesichtsfalte für eine Denkrichtung. Im Netz seiner Lebensspuren vollzog sich, knisternd anschaulich, das Erinnern. Und darunter: das mahlende Spiel von Wangenmuskeln und Kieferknochen. Das Unbewusste und das Bewusste schoben sich übereinander, es waren Bewegungen von tektonischer Wucht: Text trifft Körper, Text bewegt Körper.

Ich fand allerdings: Das Unglaublichste an ihm, dem Protagonisten des Theatermachers Dieter Dorn erst an den Münchner Kammerspielen, dann am dortigen Residenztheater, war seine Stimme. Eine zur Tonlosigkeit hin dörrende, von aller Melodie, allem Verkauf, aller Überredung Abschied nehmende Stimme. Es war die Stimme eines Eingemauerten. So klang einer, den man, durch eine dünne Wand hindurch, beim Selbstgespräch hörte.

Was auch immer dieser große diskrete Sonderling in der Öffentlichkeit zu suchen hatte, eins war klar: Der hier war einer, der nichts zu verkaufen hatte. Er stand auf der Bühne, um endlich allein zu sein.

Dagegen Peter Fitz: Der war ein heller, souveräner, die eigene Präsenz genießender Darsteller. Ein Mann, der gesehen und umringt werden wollte. Er konnte Drahtzieher, Intriganten, herrische Männer so zeigen, dass man dachte: Vernunft und Macht fallen doch ineinander, wenn ein Mann wie Peter Fitz im Spiel ist. Dann aber führte er uns doch entlang des Spaltes, den er zwischen Macht und Vernunft fein aufriss, in die Tiefe, zu den Abgründen seiner Figuren. Peter Fitz’ ideale Rolle war der Ehrenwerte, der sich als Dunkelmann entpuppte, die Stütze der Gesellschaft, die um ein böses Geheimnis eine bürgerliche Existenz gebaut hat. Das Hohle des Betrugs, des fingierten Lebens – keiner konnte diese Innenräume zum Tönen bringen wie Peter Fitz.

Holtzmann hatte unter Boleslaw Barlog, Fritz Kortner und Hans Lietzau gespielt, ehe Dieter Dorn sein Lebensregisseur wurde. Die großen Regisseure des Peter Fitz waren Peter Stein (der ihn an die Schaubühne holte), Klaus Michael Grüber (der ihn als Mephisto neben den Faust des Bernhard Minetti stellte), Claus Peymann (dessen Berliner Ensemble seine letzte Station wurde).

Beide, Holtzmann wie Fitz, waren grandiose Beckett-Schauspieler, Holtzmann spielte unter George Tabori in München Warten auf Godot, Peter Fitz und sein Freund Otto Sander reisten mit einem Beckett-Programm (Mercier und Camier) durchs Land. Zu schade, dass sie sich am Ende nicht noch im Beckett-Land getroffen haben, Holtzmann als Vladimir und Fitz als Estragon: ein Stück Welttheater, das leider nie zustande kam.