Wo sonst ökonomische Theorien die Debatten beherrschen, geht es heute um den Dienst fürs Vaterland. Rund hundert Studenten sind in die Aula der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) gekommen, zu einer Diskussion über das Bundesheer, wie sie seit Monaten allerorts stattfinden. Am Podium: ein Oberst aus dem Lager von Verteidigungsminister Norbert Darabos, der dem Publikum das Berufsheer schmackhaft machen soll – und zu seiner Rechten ein Vertreter der Österreichischen Offiziersgesellschaft (ÖOG), der Trutzbastion der Wehrpflichtbefürworter. Wo immer das Thema auftaucht, ein Emissär der ÖOG ist zugegen. Die Offiziersvertreter verteidigen die Wehrpflicht bis zum letzten Mann. Sie poltern gegen jeden, der daran Zweifel anmeldet, und schrecken vor kaum einem Argument zurück, das ihrer Sache dienen soll.

Das Modell von Darabos, es könne gar nicht funktionieren. Ein Berufsheer entwickle oft ein Eigenleben und würde schneller als eine Volksarmee in ferne Länder geschickt, um ungerechte Kriege zu führen. Und genügend Freiwillige zu finden, das sei derzeit ohnehin nahezu unmöglich.

"Wisst ihr, in welchem Zustand das Bundesheer ist?", spricht Brigadier Dieter Jocham, geschäftsführender Präsident der ÖOG, das Publikum in der WU direkt an. "Die Sturmgewehre sind 35 Jahre alt und die Lkw eineinhalbmal so alt wie ihr! Warum sollte sich da jemand freiwillig melden?"

"Das sicherheitspolitische Gewissen" nennt sich der Verein im Untertitel. Für seine Mitglieder verkörpert das Heer auch Tradition, der Soldat sei ein Ehrenmann und die Kameradschaft im Schützengraben ein kostbares Gut. Sogar die Republik sieht die ÖOG gefährdet, sollten in Zukunft nur noch "Söldner" zu den Waffen greifen. Woher kommt dieser Eifer?

Seit 2007 war Milizhauptmann Eduard Paulus Präsident der ÖOG. Mit seinem resoluten Auftreten und seiner Angriffslust wurde er bald zum Gottseibeiuns von Norbert Darabos. Im Zuge des Salzburger Finanzskandals musste sich der Haudegen aus der Angriffsspitze der ÖOG zurückziehen, da er, der Leiter der Finanzabteilung, suspendiert worden war. Sein Nachfolger Dieter Jocham wählt seine Worte bedächtiger, doch auch er hält stramm die Linie.

Gegründet wurde die ÖOG 1960, im Kalten Krieg, als ein dritter Weltkrieg als reale Gefahr erschien und ein potenzieller Aggressor vor der Haustür lauerte. In den folgenden Jahrzehnten erforderte das Konzept der großflächigen Raumverteidigung hohe Truppenstärken, und die Wehrpflicht schien das einzig taugliche Modell. Die Zeiten, und mit ihr die Bedrohungen, haben sich gewandelt. Geblieben ist der Begriff der umfassenden Landesverteidigung, wie er in Artikel 9a der Bundesverfassung verankert ist. Auch die geistige, zivile und wirtschaftliche Landesverteidigung gehören dazu.

Um diese sicherzustellen, müsse die Gesellschaft eng mit dem Militär verzahnt sein – was durch das Milizsystem gewährleistet werde. Demnach gibt es rund 30.000 Mann, die nach ihrer Grundausbildung weiter eine Funktion im Bundesheer bekleiden und regelmäßig zur militärischen Weiterbildung erscheinen: Milizsoldaten, die im Alltag normale Zivilberufe ausüben.

Sie dominieren die ÖOG und ihre neun Landesverbände: Zwei Drittel der 6.000 Mitglieder sind Miliz- und Reserveoffiziere. Die strategischen Entscheidungen treffen freilich die Berufsoffiziere in Ministerium und Generalstab.