"Was soll den Schweizern die Geschichte? Was soll den Schweizern die Poesie? Was soll ihnen die Musik? Sie haben schöne Seen." Wenn der seit fast 20 Jahren in der Schweiz lebende russische Schriftsteller Michail Schischkin diesen Satz eines berühmten schreibenden Landsmanns zitiert, greift er auf eine Tradition der Bewunderung zurück, mit der man vor allem im 19. Jahrhundert die große Landschaft der kleinen Eidgenossenschaft würdigte.

Leo Tolstoi wanderte 1857 von Montreux nach Meiringen, vom Genfersee also ins Berner Oberland. Schischkin heftet sich laufend, rastend und nachsinnend so eng an seine Fersen, dass man mitunter meint, ein Tolstoi-Buch zu lesen. Aber Schischkin will mehr, nämlich "ein Wanderbuch über Russland und die Schweiz, Byron und Tolstoi, meine Mutter, das Schreiben, Liebe, Tod" verfassen. Und so streift man mit einem detailgenauen Beobachter durch Landschaften, die er gleichsam aufzublättern versteht in ihrer Geschichte des Angeschaut- und Beschriebenwerdens.

So wie sich ein wandernder Tolstoi auf Rousseaus Héloïse – das erste Wanderbuch überhaupt – bezog, so bezog man sich später auf ihn. Vor ihm, 1816, war Byron auf dieser Strecke unterwegs. Schischkin zieht die Tagebücher der verehrten Vorgänger ebenso heran wie die eigene russische Vergangenheit, die seinen Blick auf die Schweiz prägt. Viele spannende literarische Bezüge, in der konkreten Anschauung der Schweizer Berge und Dörfer erzählt und vom Rotpunktverlag nun in schön gemachter Neuausgabe herausgebracht.