Als sein Hund starb, erschienen Herr und Hund auf der Frontseite des Blicks, schwarz umrandet. Die Nachricht war dem Boulevardblatt so viel wert wie der Rücktritt von Nationalbankpräsident Hildebrand.

Auf seinen Wanderrouten stehen die Leute Spalier, fast wie bei der Tour de Suisse. Manche Frauen gehen vorher zum Coiffeur. Manche Männer stecken ihm zur Stärkung Hochprozentiges zu. Kinder zeichnen ihn ab.

Tritt er im Fernsehen auf, sitzt eine halbe Million Deutschschweizer vor dem Bildschirm. In Sachen Beliebtheit hat Nik Hartmann die gesamte Schweizer Moderatorenriege überholt, von den Epinays über die Kilchspergers bis zu den Aeschbachers.

Doch hier in Zug, im Café Speck, wendet niemand den Kopf, um einen zweiten Blick auf den mittelgroßen, mitteljungen, mittelhübschen Mann mit dem schüchternen Bart zu werfen. Keiner kennt ihn. "Weil du so aussiehst wie viele andere auch", hatte ihm Roger Schawinski in seiner Talksendung bescheinigt. Und hämisch nachgedoppelt: Auch selbst habe er Wochen gebraucht, um zu merken, dass der junge Mann im Radio-24-Studio sein neuer Mitarbeiter und nicht der Pizzakurier sei.

Tatsächlich ist es schwer, sich Nik Hartmanns Gesicht zu merken. Kaum blickt man weg, hat man es schon vergessen. Man weiß auch nicht mehr, wann er zum ersten Mal auf dem Bildschirm auftauchte. Er schien schon immer dort gewesen zu sein. Unverkrampft, natürlich, wie ein netter Nachbar, der eben mal rasch zur Türe reinschaut.

Schon beim Casting für die Fernseh-Wandersendung war den Verantwortlichen auf Anhieb klar: "Der ist es." Da stimmte einfach alles. Sogar der Name. "Nik", das ist jung und cool, reagiert aber trotzdem zuverlässig auf Zuruf. Und ein "Hartmann" kann schweizerisch solider nicht sein.

Gut, beim Vorsprechen gab’s nicht viele ernst zu nehmende Mitbewerber. Aufstrebende junge Moderatoren finden das Wandern in einer klischierten Schweiz nicht sonderlich geil. Wer hat schon Lust, von Basel quer durch die Schweiz ins Engadin zu marschieren und dabei lauter Zuschauer zu haben, die die Gegend noch vom Aktivdienst her kennen?

Auch das Herumstehen in pittoresken Ortskernen, so wie in SF bi de Lüt, kann das Image eines coolen Nachwuchstalents dauerhaft schädigen. Ganz zu schweigen von Hartmanns neuester Sendung Gipfelstürmer . Da "schmunzeln, schwärmen und schwatzen" (so die Anpreisung der SF-Medienstelle) vier mehrheitstaugliche Gäste mit dem Gastgeber unter rustikalem Gebälk vor einem falsch flackernden Kamin und erinnern sich bei einem "guten Glas Wein" an nostalgische Fernsehmomente.

Nik Hartmann muss sich bei alledem geschmacklich nicht verbiegen. "Ich unterhalte, wie ich gern selbst unterhalten werden möchte. Da muss niemand groß nachdenken. Da braucht’s keine Bedienungsanleitung." Zudem mag er sein Publikum, besonders die "vifen alten Damen". Er hat nichts gegen Mainstream. "Ich bin ja selbst Mainstream." Zum Beweis zählt er alles auf, was ihn zum Mittelmaß macht. Zum Beispiel seine Jugend: Er ist in Zug und Burgdorf aufgewachsen, im Schweizer Mittelland. Seine Eltern gehören dem Mittelstand an; der Vater war Kaufmann, die Mutter Primarlehrerin. Auch seine Hobbys sind gut schweizerischer Durchschnitt: Velofahren, Hoch- und Skitouren. Die Reisen, die er sich gönnt – mal ein Städtetrip nach London, mal eine Woche Südtirol – gönnt sich die halbe Nation.

In Sachen Ehe freilich fällt er aus dem Raster. Er lernte seine Frau schon mit 18 Jahren kennen und ist noch immer, mit 43, mit ihr verheiratet. Auch bezüglich Kindern verfehlt er den Durchschnitt: Er hat gleich drei, und sein jüngster Sohn Melchior kam behindert zur Welt. Das macht ihn in den Augen seiner Gemeinde nur noch sympathischer. Und beschert ihm ein ganz neues Fansegment: andere Eltern behinderter Kinder.

Nur seine Freunde sehen sich seine Sendungen nicht an. "Sagen sie wenigstens." Das ist ihm egal. Sagt er wenigstens. Er hat schon immer das genommen, "worum sich niemand sonst reißt". Zum Beispiel den Volkskultur-Job beim Pop-Radiosender DRS3: "Dafür waren sich alle andern zu schade." Sie fanden es auch zu anstrengend, im Namen der Glückskette eine Dezemberwoche lang Tag und Nacht in einem Glaskasten zu sitzen und am Radio Spenden zu sammeln. "Schon speziell", bezeichnet er die Erfahrung.

Nie, sagt er, habe er gedacht, dass man mit Wandern so viel Erfolg haben kann. "Das war nicht so gedacht. Das ist einfach so passiert." Es gab ja für die Sendung Über Stock und Stein nicht mal ein fertiges Konzept. Der Hund beispielsweise war nicht vorgesehen. Es war Nik Hartmanns Frau Carla gewesen, die bestimmt hatte: "Wenn du schon drei Monate im Jahr wanderst, dann nimm gefälligst Jabba mit." Bald war der Hund beliebter als sein Herr. Denn der Hund hatte ein künstliches Hüftgelenk wie die Hälfte von Nik Hartmanns Publikum und blieb oft eine Wegbiegung weit zurück. Das sicherte ihm Sympathie und Mitgefühl der Nation.

Der neue Hund zieht nicht mehr so. Vielleicht ist er zu jung und zu fröhlich. Vielleicht trauerte Nik Hartmann für den Geschmack seiner Zuschauer zu kurz um Jabba. Dabei war er dreimal in der TV-Klatschrubrik Glanz und Gloria aufgetreten, um zu beteuern, wie "ganz fest traurig" er sei. Er hatte auch geschildert, wie er ein "Cherzli" für Jabba angezündet habe und wie er seine drei Kinder mit den Worten tröstete, Jabba sei jetzt bei den andern "Hunden im Himmel".

Ja, ein weiterer Glücksfall für das Fernsehen: Nik Hartmann ist nicht nur frisch und flott. In seine Augen können auch wirkliche Tränen treten. So wie damals auf dem Viertausender Piz Bernina, dem End- und Höhepunkt seiner Schweiz-Wanderung. Die Bergketten gleißten eisig blau wie im Ferienprospekt, heroische Musik brauste auf. Und auf dem Gipfel stammelte ein tränenblinzelnder Nik: "Da nimmt’s mich doch..."