ZEIT: Bei Sittlichkeitsdelikten wird jährlich alles, was älter als zehn Jahre ist oder wo der Angeklagte verstorben ist, vernichtet. Aufbewahrt werden nur ein kurzer Tatbestandsbericht sowie das Urteil. Ein Kirchenrechtler hätte Ihnen das sagen können.

Pfeiffer: Ich meine auch heute noch, es wäre eine Pflicht der Kirche gewesen, sowohl die Öffentlichkeit als auch uns auf diese Vorschrift hinzuweisen. Ich habe mich aber darauf beschränkt, jene kirchenrechtlichen Vorschriften zu studieren, die mir von der Kirche überreicht wurden. Die Vorschriften zur Aktenvernichtung waren nicht darin enthalten, darauf wurde ich erst im Herbst 2012, Monate nach der Vertragsunterzeichnung, aufmerksam gemacht, bei einer Veranstaltung des Netzwerks katholischer Priester.

ZEIT: Wie haben Sie reagiert?

Pfeiffer: Ich habe auf Rückfrage bei der Bischofskonferenz die beruhigende Auskunft bekommen, dass es Angelegenheit jedes Bischofs sei, was er jetzt für gewichtiger erachte: die Erfüllung des Vertrages oder die Befolgung der kirchenrechtlichen Norm. Wir haben ja in Trier und Hildesheim testweise mit kompletten Aktenbeständen gearbeitet. Und wir hatten auch aus anderen Diözesen Hinweise, dass wir vollständiges Aktenmaterial finden würden, zum Beispiel aus Köln und Mainz.

ZEIT: Sie haben mit vollständigen Akten gearbeitet, die älter als zehn Jahre waren.

Pfeiffer: Ja.

ZEIT: Warum schlugen Sie Krach?

Pfeiffer: Weil ich Hinweise auf Aktenvernichtungen erhalten hatte. Die Rechtsnorm, die das erlaubt, steht aber im Widerspruch zu dem, was Papst Benedikt getan hat, als er 2010 die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch, die bis dahin nur zehn Jahre betrug, und zwar ab dem Zeitpunkt der Tat, angehoben hat auf zwanzig Jahre ab Volljährigkeit des Opfers. Das war ein großer Fortschritt. Die Vernichtungsvorschrift passt dazu nicht mehr.

ZEIT: Vielleicht ist das gewollt.

Pfeiffer: Das mag sein. Aber in Trier und in Hildesheim haben die Bischöfe nicht gezögert, uns ihre geheimen Akten zur Verfügung zu stellen. Wir hatten wirklich den Eindruck, dass sich Bischof Ackermann darum bemühte, dass auch seine Kollegen die "Giftschränke" öffnen.

ZEIT: Und wer durfte in die Akten reinschauen?

Pfeiffer: Ehemalige Richter und Staatsanwälte, die in unserem Auftrag Akten einsahen. Sie mussten aber vorher auch zu Mitarbeitern der Diözese gemacht werden, unterschrieben also zwei Verträge.

ZEIT: Unglaublich. Diese Juristen mussten sich erst in den Geltungsbereich des Kirchenrechts begeben, um "unabhängig" forschen zu können?

Pfeiffer: Das war der kirchenrechtlich saubere Weg, um die Akten zu öffnen.

ZEIT: Noch mal: Die Kirche hat sozusagen die juristischen Regeln diktiert für die kriminologische Aufklärung.

Pfeiffer: Nein. Die Kirche hat uns nichts diktiert, sondern das ermöglicht, was zuvor in den USA auch geschehen war.

ZEIT: Warum hatte die Kirche gerade Ihr Institut als Partner gewählt?

Pfeiffer: Wahrscheinlich, weil uns die Bundesregierung zweimal damit beauftragt hatte, bundesweite Untersuchungen zum sexuellen Missbrauch durchzuführen und zu den Folgen für die Opfer.

ZEIT: Was war diesmal Ihr Ziel?

Pfeiffer: Etwa 1.200 Opfer haben bisher von der Kirche Geld bekommen. Wenn wir eine Rücklaufquote von 40 Prozent erreicht hätten, hätten wir wie schon bei der vorherigen Untersuchung 500 Auskunftgeber gehabt und so einen Vergleich anstellen können zwischen denen, die außerhalb der Kirche missbraucht wurden, und den kirchlichen Opfern. Sind die Folgen schwerwiegender in diesem Kontext? Ist die Anzeigebereitschaft niedriger, weil man eine Autoritätsperson wie den Pfarrer nicht anzeigt? All die kirchlichen Besonderheiten.