ZEIT: Sie haben einen Aufruf gestartet nach Scheitern dieses Projektes, also vor wenigen Tagen. Wie viele Opfer haben sich bei Ihnen gemeldet?

Pfeiffer: So um die 150. Wir bitten auch die Opferverbände: Unterstützen Sie uns!

ZEIT: Viele Opfer glauben, dass es nur um Weißwaschung geht. Ihr Vertrag enthielt auch merkwürdige Geheimhaltungsklauseln.

Pfeiffer: Moment! Die ersten Vereinbarungen waren absolut korrekt. Die treffen wir auch mit anderen Geldgebern wie etwa Ministerien oder Stiftungen. Während der Laufzeit der Forschungsarbeiten gibt es keine Veröffentlichung, es sei denn, sie ist genehmigt. Das ist normal. Acht Wochen nach Abgabe sind wir frei, alles zu veröffentlichen, was wir geschrieben haben.

ZEIT: Aber man wollte Ihnen doch einen Maulkorb verpassen.

Pfeiffer: Erst später! Das ist die spannende Geschichte.

ZEIT: Daran scheiterte die Zusammenarbeit?

Pfeiffer: Ja, so war das.

ZEIT: Wo begannen die Probleme?

Pfeiffer: Im Forschungsbeirat. Ein Mitglied, der Generalvikar aus München und Freising, blieb plötzlich fern, weil das Gremium keine Entscheidungsgewalt habe. Er befürchtete, dass Interpretationen von kirchenfernen Forschern in eine falsche Richtung laufen könnten. Deshalb wollte er mehr Kompetenz für den Beirat.

ZEIT: Mehr Deutungsmacht?

Pfeiffer: Ja, mehr Kontrolle der Ergebnisse. Es genügte ihm nicht, mit uns zu diskutieren.

ZEIT: Wie viele Mitglieder hatte dieser Beirat? Und wie war das zahlenmäßige Verhältnis von Kirche und Wissenschaft?

Pfeiffer: Sechs zu vier. Wir waren allerdings kein Abstimmungsgremium.

ZEIT: Aber Sie wollten sich eine Meinung bilden. Da sind die Machtverhältnisse entscheidend. Die Kirche war von Anfang an im Vorteil.

Pfeiffer: Nein. Wir wollten als Forscher ja zunächst einmal etwas dazulernen. Außerdem gab es noch ein gesondertes Gremium von Opfervertretern. Nur die Opfer und wir.

ZEIT: Aber dann bekam die Kirche kalte Füße...

Pfeiffer: Aufklärung heißt, dass man nicht für sich Informationen sammelt, sondern für die, die es angeht: die Opfer und die Öffentlichkeit. Der Münchner Generalvikar trat uns plötzlich gegenüber, als sei das Institut eine von ihm beauftragte Rechtsanwaltskanzlei, und die Kirche entscheide allein, ob das Ergebnis veröffentlicht wird.

ZEIT: Aber etwas müssen Sie doch getan haben?

Pfeiffer: Ich vermute, dass ein Vortrag von mir das Zerwürfnis befördert hat. Da ging es um die Sexualmoral der Kirche und ihren Einfluss auf den Missbrauch. Die meisten Täter sind ja nicht pädophil, sondern handeln aus einer Krise heraus, die durch die Sexualmoral verstärkt werden kann.

ZEIT: Durch sexuelle Frustration? Den Zölibat?

Pfeiffer: Auch durch den Zölibat. Die amerikanische Forschung hat klar ergeben: Über 90 Prozent der Täter hatten sich ersatzweise an Kindern vergriffen. Die liberal werdende Sexualmoral hat dann das Risiko gesenkt, dass Missbrauch geschieht. Wenn ein Priester an seine Wunschpartner herankommen kann, muss er sich nicht ersatzweise an Kindern vergreifen. Diese Botschaft hatte für die kirchlichen Zuhörer etwas Bedrohliches.

ZEIT: Ihre Kritiker behaupten, dass die kirchenspezifischen Ursachen des Missbrauchs Sie nicht interessiert hätten. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, einer reformunwilligen Kirche hier in die Hände gespielt zu haben – weil Sie sich für das Sakrosankte der Institution, für Heuchelei und Erpressbarkeit nicht interessierten?

Pfeiffer: Aber all das war Forschungsgegenstand! Wir hatten drei Schwerpunkte: Opfer, Kirche und Täter. Die Täterbefragung war uns wichtig. Das mag auch für die Kirche bedrohlich gewesen sein.