ZEIT: Und wer blockierte Sie nun? Das konnte doch kein einzelner Generalvikar!

Pfeiffer: Es waren einzelne, aber mächtige Diözesen, nämlich München und Freising sowie Regensburg. Sie waren der Kern des Widerstands gegen unser Projekt. Dort wurde ein neuer Vertragsentwurf entwickelt.

ZEIT: Der Sie wirklich knebeln sollte. Und was tat die Bischofskonferenz?

Pfeiffer: Man bat mich, im Interesse einer Befriedung vieler aufgeregter Gemüter in der Kirche, die neuen Regeln zu unterschreiben.

ZEIT: Wie lauteten die im Klartext?

Pfeiffer: Über unterschiedliche Meinungen zu Forschungsergebnissen sollten Kirche und Forschungsinstitut zunächst gemeinsam diskutieren. Und dann heißt es: "Ist eine Einigung nicht möglich, unterbleibt eine Veröffentlichung."

ZEIT: Also vielleicht alles unter Verschluss?

Pfeiffer: Ja! Es hieß, dass die Veröffentlichung aller Fachaufsätze, Doktorarbeiten und etwaiger Habilitationen der ausdrücklichen vorherigen schriftlichen Zustimmung durch den VDD bedarf – den Verband der Diözesen Deutschlands.

ZEIT: Das war Zensur.

Pfeiffer: Genau. Das war unzumutbar. Gegen alle Forschungsfreiheit. Der Brockhaus nennt es präventive Zensur.

ZEIT: Wenn nur zwei Bistümer das wollten: Warum sind alle anderen eingeknickt?

Pfeiffer: Sie müssen bedenken, aus welcher Ecke der Widerstand kam: aus derjenigen Erzdiözese, deren Kardinal – so hört man – der Nachfolger von Erzbischof Zollitsch als Vorsitzender der Bischofskonferenz werden soll. Da ist Macht angesiedelt. Das hätte einen großen Konflikt gegeben, kann ich nur vermuten. Also hat sich eine kleinere Gruppe durchgesetzt gegen eine größere.

ZEIT: Die Kirche sagt, Sie seien nicht kompromissfähig gewesen.

Pfeiffer: Man hat eine Berliner Kanzlei beauftragt, Kompromisse auszuloten, daraus entstand der Vorschlag, diese Verbotsmöglichkeiten für Texte auf den Fall zu beschränken, dass "ein wichtiger Grund" vorliegt. Aber was heißt wichtig? Zudem beanspruchte die Kirche ein Mitspracherecht bei der Auswahl von Mitarbeitern. Daraufhin sind zwei hervorragende Wissenschaftlerinnen abgesprungen. Wir haben trotzdem das Gespräch fortgesetzt, weil wir ja einen gültigen Vertrag hatten. Wir haben selber vorgeschlagen, dass die Kirche nach jedem Kapitel des Forschungsberichts eine Gegenposition formulieren darf.

ZEIT: Das ging ja ziemlich weit.

Pfeiffer: Aber die Kirche wollte nicht. Und dann kamen Hinweise auf neue Aktenvernichtungen. Da habe ich mich direkt an alle 27 Bistümer gewandt, ob sie Akten vernichten. Und ob sie noch zu unserer Vereinbarung stehen, dass wir gemeinsam aufklären. Und ob sie mit mir direkt den Forschungsvertrag abschließen.

ZEIT: Ein Affront! Warum waren Sie plötzlich so konsequent?

Pfeiffer: Weil das angedrohte Ausscheiden von München und Regensburg uns zeigte: Ein Vertrag mit dem VDD schützt uns nicht davor, dass einzelne Diözesen ihn boykottieren. Das mussten wir bitter lernen.

ZEIT: Ihr Brief war provokant. Sie hielten den Dienstweg nicht ein und zwangen die Institution, sich ehrlich zu machen. Jetzt hätten die Bischöfe schriftlich erklären müssen, dass sie vom Kirchenrecht abweichen oder Akten vernichten.

Pfeiffer: Neue Aktenvernichtungen wären ja vertragswidrig gewesen. Ich glaube aber immer noch, dass eine beachtliche Zahl von Bischöfen wirklich aufklären will und nun hierzu einen Weg sucht.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

Pfeiffer: Weil man aus Fehlern lernt.

ZEIT: Ihr Wort in Gottes Ohr!

Pfeiffer: Schon jetzt signalisieren mir doch einzelne Bistümer: Wir hätten das Projekt gerne mit Ihnen realisiert. Unsere wissenschaftlichen Nachfolger werden also von diesem Kampf, den wir hier geführt haben, profitieren. Zensurregeln kann man ihnen nicht mehr zumuten.

ZEIT: Glauben Sie, es wird sich jemand finden, der sich diese Forschung künftig antut?

Pfeiffer: Ich wünsche meinen Nachfolgern, dass die Politik Hilfestellung leistet und die Forschung mitfinanziert.

ZEIT: Wer das Geld gibt, macht die Regeln.

Pfeiffer: Vielleicht könnte hier ja das Bundesforschungsministerium einsteigen, das zurzeit große Studien zum sexuellen Missbrauch finanziert.

ZEIT: Trotzdem müssten sich die Forscher weiter dem Kirchenrecht unterwerfen.

Pfeiffer: Egal. Die Opfer haben einen Anspruch darauf, dass aufgeklärt wird. Die Kirche allein schafft das nicht. Sie braucht externe Unterstützung durch Forschung, und das muss zu Rahmenbedingungen geschehen, die in der Wissenschaft üblich sind. Ich fordere deshalb die Politik auf, sich einzumischen.

ZEIT: Jetzt kritisiert die Kirche Sie als Person.

Pfeiffer: Ja, das schmerzt. Aber es zeigt doch nur, dass den Angreifern die Sachargumente ausgegangen sind. Trotzdem hoffe ich, dass sich in der Kirche die Aufklärer durchsetzen werden.

ZEIT: Die Kirche will eine einstweilige Verfügung gegen Sie erwirken. Warum?

Pfeiffer: Ich soll nicht länger behaupten, dass die Kirche Zensurwünsche an uns gerichtet hat. Da ich das belegen kann, sehe ich keinen Grund, es zu unterlassen.

ZEIT: Ist die Vertragskündigung inzwischen bei Ihnen eingetroffen?

Pfeiffer: Eingetroffen ja, aber ohne Begründung.