Das Verräterische an Bankern ist, dass sich ihre Arbeit künstlerisch kaum darstellen lässt. Ihr Geschäft ist nicht spielbar, dazu ist es selbst dem Spiel zu nahe. Man kann nicht zeigen, was ein Banker tut. Aber man kann zeigen, wie sein Tun ihn deformiert. Wenn Schauspieler also Banker darstellen, spielen sie Hochstapler; sie zeigen Leute, die Leistung vortäuschen.

Ein zentraler Antrieb der Dramatik war es immer, die Wahrheit herauszuholen aus jenen Verschwiegenen ganz oben, die für das Volk nicht zu sprechen sind: Könige, Tyrannen, Feldherren. Wohin sich die Macht in unseren Zeiten verschoben hat, erkennt man an den Spielplänen der Theater: Von neuen Präsidenten- und Feldherrenstücken ist dort keine Spur, stattdessen findet man: zeitgenössische Wirtschafts- und Bankerdramen.

Elfriede Jelinek hat kürzlich in ihrem Stück Die Kontrakte des Kaufmanns sogar das Geld selbst zu Wort kommen lassen – als die oberste Macht der Welt. Der Dokumentarfilmregisseur und Dramatiker Andres Veiel (Black Box BRD, Die Spielwütigen, Der Kick) gibt nun jenen das Wort, die das Geld bewegen. Er will wissen, was aus Menschen wird, wenn Geldmachen ihr Lebensinhalt wird. Und seltsam: In seinem Stück ist Wut der mächtigste Affekt.

25 Banker, großteils solche, die einen Absturz aus den obersten Etagen ihres Institutes hinter sich haben und nun in dessen Kellergeschossen ein Untotenleben bei luxuriösen Bedingungen führen, mit Schweigehonorar und Chauffeur, 25 solcher Kaltgestellten hat Veiel befragt. Aus seiner 1400-seitigen Interviewsammlung hat er einen Text destilliert, den er auf sechs Figuren abfüllt. Es entstand ein Stück, Das Himbeerreich, welches das Schauspiel Stuttgart und das Deutsche Theater Berlin gemeinsam produziert haben. In Stuttgart ist es jetzt uraufgeführt worden.

Im Stück gibt es, was es in oberen Banketagen kaum gibt: eine Frau. Diese Figur hat Veiel gleichsam aus vielen Männerfetzen zusammengesetzt, und die Frau, Brigitte Manzinger mit Rollennamen, sagt: "Ich gehe in schwere Verhandlungen und weiß, dass ich nichts weiß. Und deshalb halte ich eine offene Situation sehr gut aus; und das ist die Schwäche meiner Kollegen, die kleben an ihrem kleinen Wissen und haben keinerlei Überblick. Je mehr der andere wackelt, desto klarer sehe ich – und wenn er nicht genug wackelt, dann mache ich den wackelnd; eine falsche Bewegung, und es scheppert. Und das atme ich."

Diese Aussage weist dem Publikum die Richtung: Mag ja sein, dass es in diesem Geschäft ums Globale geht, aber in seinem Kern ist Geldbewegen doch nur Bluff, Aufmantelei unter Eingeweihten, also: Dorfkrawall auf Weltebene. Das ist Veiels Stück, wenn man sich seine exemplarischen Figuren im Kreis von Mitstreitern und Konkurrenten vorstellt: eine Schlacht, deren Krieger einander mit Blicken töten.

Wie gesagt: Frau Manzinger, die den zitierten Monolog spricht, existiert in Wahrheit nicht. Das Verwischen der Spuren ist oberste Bedingung von Andres Veiels dramatischem Verfahren: Seine Informanten sind noch abhängig von ihrer "Honigpumpe" (ein anderes Wort für Bankhaus) – was auf der Bühne gezeigt wird, ist präpariertes, von DNA und Fingerabdrücken gereinigtes Fundmaterial. Über Veiels Himbeerreich (übrigens ein Ausdruck von Gudrun Ensslin, so nannte sie die deutsche Warenwelt) wölbt sich getöntes Zeugenschutzglas. Stört das? Nein, der Text ist trotz allem grandioser, mit Eigensinn, Niedertracht und Selbstgerechtigkeit glühend verstrahlter Theaterstoff. Problematisch ist eher Veiels Verfahren, ihn zu bearbeiten: Er bringt ihn nicht auf jene Dichte, die imstande wäre, die tollen Spieler Susanne-Marie Wrage, Ulrich Matthes, Joachim Bißmeier, Manfred Andrae, Sebastian Kowski und Jürgen Huth in den Nahkampf zu zwingen.

Das mag daran liegen, dass sie stets nur Informanten bleiben; nie gibt es Momente, da sie zu Protagonisten werden. Jeder Shakespeare-Schurke erhält irgendwann die Gelegenheit zur Intimität mit sich selbst. Er ist dann buchstäblich allein mit dem Universum und hat niemanden, in dem er sich spiegeln könnte – nur die Toten, mit denen er ins Gespräch kommt. Für solche Momente sind die großen Dramen des Theaters geschrieben. Im Himbeerreich gibt es keine Spur davon: Das Interview wird niemals Innenweltgespräch.