Damals, in den siebziger Jahren, wenn sie aus Berlin rausfuhren, standen an der Grenze die Vopos mit ihren Betongesichtern, ließen Autofahrer aussteigen, kontrollierten Pässe, drangsalierten Mitmenschen, verbreiteten Angst. Aber nicht bei ihnen. "Prussian militarism meets socialism – what a dreadful combination!", sagte der Vater und gab Gas. Als britischer Militärbeamter durfte er die Extraspur nutzen und ohne die üblichen Kontrollen passieren, sein Sohn David drehte den Vopos im Rückspiegel eine Nase. Preußischer Militarismus trifft Sozialismus, was für eine scheußliche Mischung, lautet der Satz des Vaters übersetzt. David McAllister erzählt davon, um zu verdeutlichen, wie sehr ihm Ideologien aller Art verhasst sind und welchen Eindruck deutsche Teilung und Einheit auf ihn gemacht haben. Unbeabsichtigt erzählt er auch die Geschichte von einem, der es gewohnt ist, auf der Überholspur unterwegs zu sein.

Es heißt, David McAllister habe noch nie eine Wahl verloren, seit er mit knapp 21 Jahren einmal nicht in den Kreistag kam. Ins Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten ist er nicht gewählt worden, er hat es geerbt, nachdem sein Vorgänger Christian Wulff Bundespräsident wurde. Die Landtagswahl in Niedersachsen am kommenden Wochenende gilt nicht nur als Vorentscheidung über die Bundestagswahl, sie entscheidet auch über das politische Schicksal von David McAllister, einer der letzten Nachwuchshoffnungen der CDU.

Im direkten Vergleich mit seinem Herausforderer Stefan Weil von der SPD liegt McAllister weit vorn, doch die Umfragen sind knapp, alles hängt davon ab, ob FDP und Linke in den Landtag kommen. McAllister könnte am Wahlabend als strahlender Sieger dastehen – selbst eine absolute Mehrheit wäre theoretisch denkbar – oder als tragischer Held: Wenn die CDU stärkste Kraft wird, aber ihr Koalitionspartner FDP nicht in den Landtag kommt. Damit ist McAllister in einer ähnlichen Lage wie Angela Merkel im Bund. Ausweislich der Umfragen ist er zwar der beliebteste Politiker seines Landes, aber sein Schicksal hängt an einem der unbeliebtesten Politiker der Republik: Philipp Rösler, mit dem McAllister befreundet ist.

Einmal trafen sich Christian Wulff und David McAllister, damals noch Wulffs Generalsekretär, morgens im Präsidium, beide heiser. "Na, David, auch so erkältet?", habe Wulff gefragt. "Nee. Schützenball", habe McAllister gekrächzt. Solche Anekdoten hört man häufig aus dem Umfeld von David McAllister. Es ist das Bild, das der Ministerpräsident gerne von sich zeichnet: ein bodenständiger Kerl, dem Allüren fremd sind, der auf dem Teppich geblieben ist. Ein echter Mensch. Authentisch. Einer, der noch immer seine Freunde aus der Schulzeit trifft und mit ihnen einen trinken geht, der lieber mit der Bahn als mit dem gepanzerten Wagen fährt.

Nichts ist so wichtig für einen Politiker, wie authentisch zu wirken.

Es gibt diesen bodenständigen McAllister wirklich, man kann ihn kennenlernen, wenn es gut läuft, wenn er sich sicher fühlt. Es gibt auch die Schulfreunde wirklich, man trifft sie zum Beispiel in Bülkau beim Grünkohlessen, fünf an der Zahl. "Wie war er denn früher so?"

"Na, so wie er heute ist."

"Wie ist er denn?"

"Na, nett."

"Was ist die beste unerzählte Geschichte über David McAllister?"

"Öh."

Was ist den Freunden am meisten in Erinnerung geblieben vom Freund?

Dass der mit einem T-Shirt von Hertha aufgekreuzt ist, als er in die Grundschule kam. Hertha kannte aber keiner.

Wenn McAllister nicht auf heimischem Terrain ist, wenn es nicht so gut läuft, verrutscht etwas im Bild, dann verrutscht ihm sogar das Gesicht. Dann wirkt der bodenständige McAllister mit einem Mal ein bisschen roboterhaft, das Lächeln wie eingeschaltet, die Erregung über einen politischen Mitbewerber seltsam aufgesetzt, die Schmeicheleien so übertrieben, dass es fast schon sarkastisch wirkt. Dann erinnert McAllister an den Menschen, an den er doch am wenigsten erinnern möchte: an Christian Wulff. Bei dem wusste man auch manchmal nicht genau, ob er gerade ernst meinte, was er sagte.