Mehr als ein Wahlkampfgag war wohl ursprünglich gar nicht beabsichtigt: Als der Wiener Bürgermeister in der Endphase des Gemeinderatswahlkampfes 2010 plötzlich die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht auf seine Fahnen schrieb, erhoffte er sich vor allem, das boulevardtaugliche Thema würde seiner Partei noch zu einem letzten Schub auf der Zielgeraden verhelfen. Dass die Debatte jedoch bald ihre eigene Dynamik entwickeln und aus dem Ruder laufen sollte, stand damals nicht auf der Agenda.

Mehr als zwei Jahre später, nach zahlreichen Meinungspirouetten und spektakulären Zerwürfnissen, ist die Frage zu einem Prinzipienstreit entbrannt, bei dem zwei unversöhnliche Gruppen um die Zustimmung der Wähler buhlten. Die Argumente, die dabei ins Treffen geführt werden, drehen sich um Hochwasserhilfe und Rettungsdienste, um Altenbetreuung oder auch um die soziale Integration der männlichen Jugend – bloß mit dem harten Kern des Problems, mit militärischen Belangen und der Funktion einer Armee in einem europäischen Kleinstaat des 21. Jahrhunderts, haben sie höchstens am Rande zu tun. Auf dieser Basis sollen nun die Bürger bei der Volksbefragung am Sonntag eine richtungsweisende Entscheidung treffen, ohne dass zuvor auch nur ansatzweise die Karten auf den Tisch gelegt worden wären.

Welche Aufgaben soll ein Bundesheer abseits nicht militärischer Hilfestellungen künftig erfüllen? Darüber schweigt die Politik beharrlich. Doch ohne diese Grundsatzfrage schlüssig beantworten zu wollen, ist es hanebüchen, die Wähler dazu aufzurufen, ein Urteil über die Zweckmäßigkeit unterschiedlicher militärischer Organisationsstrukturen abzugeben. Solange lediglich in schwammigen Allgemeinplätzen beschrieben wird, wozu Panzer, Sturmgewehre und Kanonen dienen sollen, ist es müßig, sich darüber den Kopf zerbrechen zu wollen, ob diese Waffen besser von Wehrpflichtigen oder von Berufssoldaten bedient werden sollen.

Vor diesen Antworten drücken sich allerdings sowohl Regierungspolitiker als auch die Opposition. Die Republik leistet sich einen 54.000 Mann starken Truppenkörper, drillt jährlich 24.000 Präsenzdiener in verschiedenen Kampftechniken und unterhält ein umfangreiches Arsenal an Kriegsgerät, das zwar großteils veraltet sein mag, aber dennoch einige Feuerkraft entfalten kann. Doch worauf zielen die Geschützrohre? Wo steht der Feind? Gegen welchen potenziellen Aggressor gilt es die staatliche Souveränität zu verteidigen?

Österreich ist längst nicht mehr der kleine neutrale Flecken auf der Landkarte, der, eingezwängt zwischen zwei waffenstarrenden Bündnissystemen, jederzeit in der Gefahr schwebte, bei einem militärischen Konflikt von feindlichen Armeen schon allein deshalb überflutet zu werden, weil er bei fast jedem taktischen Szenario im Weg war. Diese Ausgangssituation bestimmte über drei Jahrzehnte lang das strategische Denken, darauf versuchten die Militärs mit unterschiedlichen und oft wenig tauglichen Konzepten zu reagieren. Doch spätestens mit der fortgeschrittenen europäischen Integration ist dem Bundesheer die letzte ausschließlich nationalstaatliche Aufgabe nach dem Ende des Kalten Krieges, jene der Grenzsicherung wie beim Zerfall Jugoslawiens 1991, abhanden gekommen. Schon der über Gebühr bis in den Dezember 2011 fortgesetzte Assistenzeinsatz des Heeres im Grenzraum zu Slowakei und Ungarn war ein lächerlicher Anachronismus, zu dessen Rechtfertigung das "subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung" herhalten musste.