Begleitet von den weise-skeptischen Warnungen seiner einzigen adäquaten Gesprächspartnerin, der Ärztin Nina Aleksejewna, beginnt sein Abenteuer: "Auf der Pritsche liegend hatte ich mir die Liebe zu dieser sowjetischen Manon Lescaut ausgedacht." Gemeint ist die junge Krankenschwester Vera, die ihm wie jene Kurtisane aus dem berühmten Roman des Abbé Prévost als Wesen aus dem 18. Jahrhundert erscheint: "In ihrem Blick lagen Ungestüm und Raffinesse: ein Antlitz aus einem Gemälde von Watteau." Es beginnt ein stürmisches Werben um diese leichtlebige Manon, die sich gerne mit Männern aus anderen Waggons vergnügt und auf seine Liebesschwüre mit der Frage "Was soll denn daraus werden?" antwortet; auf ihrem Foto notiert sie ihm den Satz "Das Schicksal wird entscheiden". Er weiß: "Vera ist vom Stamm der flammenden Menschen, die außerhalb der Form leben."

Petrow inszeniert eine hinreißende Burleske, in der alltägliche Grobheit sich mit philosophischen Verstiegenheiten vermengt. Die sowjetische Gegenwart wird mit russischen Augen betrachtet. Wie frivol, so eine Geschichte 1946 zu schreiben, nach Millionen Toten – und wie selbstbewusst im Wissen, dass Literatur genau das darf. Die Sprache bricht Pathetisches ironisch; rasch werden Sätze nebeneinandergetaktet, sodass auch die großen Gegensätze des Lebens immer zugleich auftauchen und Funken sprühen – man darf diesen komischen, leicht grotesk-verfremdenden Effekt durchaus genial nennen.

Am einsamen Bahnhof von Turdej, im südrussischen Herzland von Tolstoi und Turgenjew, kommt der Zug mal wieder für unbestimmte Zeit zum Stehen. Und zwischen unserem ungleichen Paar beginnt eine Liebesgeschichte, obwohl Vera unschuldig-ahnungsvoll bereits festgestellt hatte: "Sie geben irgendwie komische Küsse, von denen man sterben kann." An eine zauberhafte Idylle erinnert sich der Erzähler: die beiden einquartiert in einem einsamen Häuschen, sich liebend neben einem "glückselig durchleuchteten Hain" – "wir sprachen wie immer über nichts". So kann es natürlich nicht bleiben. Er wird bald abkommandiert, während sie in einem Lazarett arbeitet – und der Krieg vernichtet schließlich diesen fragilen Traum vom Glück. Verstört irrt unser Held am Ende durch die Steppe.

Es ist eine zarte, sehr komische, natürlich hoffnungslose Liebe in Zeiten des Krieges, von der Petrow erzählt – und heroisch ignoriert er darum weitgehend das Grauen, weil er die Überlebensmöglichkeiten des Schönen in der Erinnerung zeigen will. Selten hat eine kleine Geschichte trotz ihres traurigen Schlusses so viel Hoffnung auf die Kunst geweckt.

Dass wir diese Novelle nun auf Deutsch lesen können, verdanken wir dem verdienstvollen Kleinverlag von Stefan Weidle und vor allem einer Familie: dem Autorenehepaar Olga Martynowa und Oleg Jurjew sowie deren Sohn Daniel Jurjew, der den Text glanzvoll ins Deutsche übertragen hat. Olga Martynowa, die 2012 den Bachmann-Preis gewann, steuerte einen Stellenkommentar bei; Oleg Jurjew schildert in seinem Nachwort literaturgeschichtliche Hintergründe. Wsewolod Petrow habe eine "Übergabe der Kultur" betrieben, so Jurjew, jene typisch russische Fortschreibung großer künstlerischer Ideen über düstere Epochen hinweg. Die russische Moderne vom Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt vor unseren Augen eine Auferstehung. Und siehe da, sie ist so frisch und brillant wie ehedem. Wie ein Lichtstrahl erhellt diese Liebesgeschichte die uns so entsetzlich gut bekannte Düsternis von Krieg und Diktatur. Und ihr Schöpfer führt dabei vor, wie Kunst über die Geschichte stolz triumphieren kann und darüber zeitlos wird.