ZEIT: Aufräumen. Wie sind Sie das angegangen?

Wichmann: Der stern muss den Anspruch haben, mit den Besten zu arbeiten, und in Gesprächen mit Freunden, wer der beste Art Director sei, fiel immer wieder der Name Luke Hayman von der Design-Agentur Pentagram. Luke hat unter anderem das New York Magazine überarbeitet. Ein fantastisch gemachtes Heft. Und tatsächlich habe ich ihn gewinnen können, nach Deutschland zu kommen. Gemeinsam mit dem stern-Art-Director Johannes Erler haben wir dann unser Konzept entwickelt.

ZEIT: Wann kommt der neue stern?

Wichmann: Spätestens im April.

ZEIT: Und es ist alles perfekt vorbereitet?

Wichmann:Unser Konzept steht. Aber in der täglichen Arbeit will ich ein Klima erzeugen, in dem man auch mal einen Fehler machen kann. Journalismus ist permanenter Betabetrieb, und das heißt auch, sich hinterher vor die Konferenz zu stellen und zu sagen, ja, das muss ich besser machen. So eine Kultur brauchen wir.

ZEIT: "Permanenter Betabetrieb", "Start-up". Ist das nur Internetjargon, weil es modern ist, oder haben Sie selbst Internet-Start-up-Erfahrung?

Wichmann trägt an seinem rechten Handgelenk ein aus blauer Baumwolle geknüpftes Armbändchen. Er hat es aus einem Italienurlaub mit der Familie mitgebracht. Inzwischen nervt es ihn, sagt er, aber er bringe es nicht übers Herz, es abzunehmen, denn es soll so lange getragen werden, bis es von allein abfällt – darauf besteht seine Tochter.

Wichmann: Ich habe mit einem Freund in den USA immer wieder daran experimentiert. Insgesamt war es ein Flop, aber ich habe enorm viel Erfahrung dabei gewonnen.

ZEIT: Wie sind Sie in die Internetszene geraten?

Wichmann: Während meines Studiums in Boston war Albert Wenger mein Vermieter. Er ist ein toller Typ, hat selbst mehrere Start-ups gegründet, und es waren keineswegs alle erfolgreich. Irgendwann ist er zu dem New Yorker Wagniskapitalgeber Union Square Ventures gestoßen, sie waren drei Partner und eine Sekretärin, und sie haben Twitter früh finanziert und den mobilen Social-Media-Dienst Foursquare und die Crowd-Funding-Plattform Kickstarter und viele andere.

ZEIT: Er war Ihr Entree in New York?

Wichmann: Er hat mir 2009 angeboten, dass ich eine Zeit lang bei ihm mitlaufe. "Du musst wenigstens digital immigrant werden, wenn du schon kein digital native bist", hat er gesagt. Also habe ich eine Auszeit genommen und bin mit meiner Frau hingezogen. Unsere Tochter war ein Jahr alt und meine Frau erneut schwanger. Ich habe dann den halben Tag gearbeitet und den anderen halben Tag auf dem Spielplatz verbracht, während meine Frau gearbeitet hat.

ZEIT: Kennen Sie eigentlich einen der großen Schöpfer und Zerstörer des Internets persönlich?

Wichmann: Ich war einmal bei Jeff Bezos. Da war Amazon noch so klein, dass sich Bezos dreieinhalb Stunden Zeit genommen hat.

ZEIT: Welchen Eindruck hatten Sie?

Wichmann: Zunächst war ich von Seattle beeindruckt, von den Einflüssen, die diese Stadt geprägt haben. Von dort sind vor hundert Jahren viele Goldgräber aufgebrochen, hier haben die Desperados ihre Pferde bepackt. In den neunziger Jahren hat es dann eine beeindruckende Independent-Musikszene gegeben. Ich bin auch zur Villa von Kurt Cobain gefahren, dem Sänger der Band Nirvana, der sich dort erschossen hat. Und nicht zuletzt steht Seattle für eine große Lese- und Kaffeehauskultur, in deren Mitte das krasse Gegenteil zur analogen Welt siedelt: Amazon.

ZEIT: Und wie war Bezos?

Wichmann: Er war kalt, aber so faszinierend, dass aus dem Wahnsinn, den dieser Mann verkörpert, wieder eine Hitze entstanden ist.

ZEIT: Fasziniert er Sie bis heute?

Wichmann: Er hat seine Firma mehrfach radikal verwandelt. Erst hat er sich in unsere Herzen geschlichen, indem er uns daran gewöhnt hat, Bücher online zu kaufen. Dann hat er aus Amazon ein Versandhaus gemacht. Jetzt verkauft er Speicherplatz, stellt die Rechenzentren bereit, auf denen andere Firmen ihr Geschäft betreiben. Und zuletzt ist er ins Buchverlagswesen eingestiegen. Solche Volten innerhalb nur einer Firma! Bezos hat innovator spirit. Er ist ein Mann, der sein Tun permanent hinterfragt, und die damit einhergehende geringe Eitelkeit finde ich gut. Nein, großartig.

ZEIT: Was können Medien von ihm lernen?

Wichmann: Bezos nimmt die Leute, für die er das macht, die Kunden also, sehr ernst.