Europa, und damit auch die Beziehung zur Bundesrepublik, war für de Gaulle der Weg zu Frankreichs Weltgeltung. Er sprach das offen aus: "Wozu dient Europa? Dazu, sich weder von den Amerikanern noch von den Russen beherrschen zu lassen [...]. Europa ist das Mittel für Frankreich, wieder das zu werden, was es seit Waterloo aufgehört hat zu sein: Erster der Welt."

Dem Bundeskanzler war diese Sichtweise nicht entgangen. Der Bonner Politologe Hans-Peter Schwarz, ein Kenner der Person und Politik Adenauers, skizziert dessen Motive so: Der Kanzler suchte ein Druckmittel gegen die Amerikaner, denen er nicht vollständig vertraute, außerdem sah er in der Verständigung mit Paris das beste Mittel, in Europa die Angst vor den Deutschen abzubauen.

Im September 1962 reiste de Gaulle durch Deutschland – "wie ein Triumphator", schrieb Hermann Schreiber zwei Jahre später im Spiegel. "In Hamburg vor dem Rathaus schrien sich die anglophilen Hanseaten die Kehlen nach ›Charlie‹ heiser [...]. Da schwang noch ein anderer, weniger reiner Ton: Endlich war einer gekommen, der uns vor aller Weltöffentlichkeit die Sünden der Vergangenheit vergab."

Das bereitete den Vertrag mit Deutschland psychologisch vor. Gegen Jahresende 1962 wurden die letzten deutschen Kriegsverbrecher freigelassen, die in Frankreich einsaßen: die SS-Führer Helmut Knochen und Carl Oberg, beide Mittäter im Holocaust. "Kriegsgefangene" nannte man sie in Deutschland damals.

Anstelle eines Vertrages wollte man im Januar 1963 ursprünglich nur ein Protokoll unterschreiben, das eine Serie von Beratungen vorsah und den Kulturaustausch regeln sollte. Den Haken entdeckte die Rechtsabteilung des Auswärtigen Amts eine Woche vor dem Unterzeichnungstermin: Kulturpolitik war Ländersache. Also musste es ein Staatsvertrag werden, mit Ratifizierung durch den Bundestag. So schnell ließ sich freilich das Urkundenpapier mit Ledermappe nicht heranschaffen. Noch am Morgen des 22. Januar, als der Text auf französisches Papier getippt war, musste im Élysée nach einer geeigneten Mappe gesucht werden.

Den Vertragsschluss begleiteten allerdings Zweifel. Bereits kurz zuvor, just an jenem 14. Januar, als in Bonn die letzten juristischen Feinheiten geklärt wurden, hatte de Gaulle in Brüssel eine seiner legendären Pressekonferenzen gegeben. In bester Laune sprach er sich rundheraus gegen die Nato und den Beitritt der Briten zur EWG aus – "er troff regelrecht vor Stolz", sagte ein französischer Beobachter. In der ZEIT schrieb Theo Sommer bald darauf: "Sein Nein zur transatlantischen Zukunft traf die Amerikaner wie ein Leberhaken. [...] Und als die Bundesrepublik just in diesem unglückseligen Augenblick auch noch mit dem Frankreich des Generals einen Vertrag abschloß, durch den es sich auf die Seite der Gaullisten zu schlagen schien, da brach in Washington ein Weltbild zusammen."

Nachdem US-Präsident John F. Kennedy schon vergeblich versucht hatte, den Vertragsabschluss zu verhindern, bearbeiteten er und seine Emissäre die beiden "Atlantiker" in Adenauers Regierung, Ludwig Erhard und Außenminister Gerhard Schröder: Beide gehörten zu jener starken Strömung im Regierungslager, die es ablehnte, Europa als Mittelmacht zwischen Ost und West zu konstruieren. Zusammen mit Ministern der FDP formulierten sie die Präambel. Adenauer musste den eigentlich vertragswidrigen Zusatz akzeptieren, denn er brauchte ihr Einverständnis, um die Opposition überstimmen zu können. Erhard, der von dem ganzen Vertrag nichts hielt, wurde am 16. November 1963 dann auch noch Bundeskanzler – im Urteil de Gaulles "ein armseliger Typ".

Danach mussten mehr als zehn Jahre vergehen, bis Frankreich und Deutschland den Élysée-Vertrag zum Gründungsdokument ihrer Freundschaft, ja Europas insgesamt adelten. Seither gilt er als Symbol dafür, dass die beiden Nachbarn friedlich miteinander umgehen wollen. Aber auch im Jubeljahr bleibt die Frage: Wie weit reicht ihre Solidarität?