Fangen wir mal anders an. Fangen wir mal damit an, was dieser Mensch auch noch war – außer Schriftsteller. Mit Jörg Steiner ist nämlich ein Mensch gestorben, der sich nicht nur um das kümmerte, was er am besten konnte, das Schreiben und das Unterrichten, nein, dieser Mann verstand sich als Bürger, also als ein Mitverantwortlicher für die gemeinsame Sache. Er mischte sich ein, kämpfte gegen die Verschandelung seiner Heimatstadt, war einer der ersten Grünen im Lande. Von 1973 bis 1979 saß er sogar im Stadtparlament für die Freien Bieler Bürger, auch wenn ihm der Parteiname zu pathetisch klang. Bis zuletzt konnte er sich nicht daran gewöhnen, dass der Mensch, und zwar bitte subito, immer mehr will.

Ja, Jörg Steiner hatte eine Sprache. Und das ist schon mehr, als die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen von sich sagen können. Er hatte eine Sprache, die war in ihrer Präzision, in ihrer Bescheidenheit an sich schon eine Sensation. Es war eine einfache Sprache, die Kindern und Erwachsenen taugte. Er hat immer "nur" erzählt, aber durch das, was er zu berichten hatte, löste er im Leser etwas aus, oft war es Wut über die herrschenden Verhältnisse, selten Niedergeschlagenheit, manchmal gar Glück. Etwa mit seiner schlagkräftigsten Erzählung Der Kollege, in der er berichtet, wie ein Mensch, ein arbeitsloser Mensch, aus der Gesellschaft verschwindet. "Ich bin begabt, Angst zu haben", sagte er mal. Eine Gabe, aus der man viel Kraft beziehen kann.

Es hat ihn geärgert, wenn er als "Autor der Randfiguren" betitelt wurde. Zu Recht. Indem er seine Figuren beobachtete, die nicht den allgemeinen Erwartungen entsprachen, erzählte er nämlich mehr als mancher Autor eines Gesellschaftsromans.

In seinem letzten Büchlein, Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean , steht der Satz: "Wir verstehen nicht, was mit uns geschieht." Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte er, dies sei die Motivation für sein Schreiben gewesen. Er habe ein ganzes Leben gebraucht, bis ihm dieser Satz eingefallen sei. Aber er hat ihn gefunden.

Am vergangenen Sonntag, dem 20. Januar 2013, erlag Jörg Steiner seiner Krebskrankheit, nur neun Monate nach dem Tod seiner Frau Silvia, einer Galeristin, mit der er 60 Jahre lang zusammen gewesen war.