Damit nicht genug. 1956 sprach der Bundesgerichtshof den SS-Richter Dr. Thorbeck rechtskräftig frei. Er hatte Anfang April 1945 Dietrich Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer, unter ihnen Admiral Canaris und General Oster, im Konzentrationslager Flossenbürg wegen Widerstands gegen die Diktatur zum Tode verurteilt. Die angeklagten Widerstandskämpfer hatten keinen Verteidiger, es wurde kein Protokoll geführt, der Kommandant des Konzentrationslagers fungierte als "Beisitzer". Dass in dem von Thorbeck geführten Verfahren sämtliche rechtsstaatlichen Garantien beseitigt worden waren, hatte für den Berichterstatter des Bundesgerichtshofs, Ernst Mantel, ein antisemitisch geprägter früherer Sonder- und Militärrichter, keinerlei Bedeutung. In der Urteilsbegründung heißt es, der Bundesgerichtshof habe versucht, dem SS-Richter "gerecht" zu werden. Tatsächlich aber rechtfertigte er das Ausmerzungsrecht der NS-Diktatur: "Ausgangspunkt ... ist das Recht des Staates auf Selbstbehauptung ... Auch dem nationalsozialistischen Staat kann man nicht ohne Weiteres das Recht absprechen, dass er solche Gesetze erlassen hat."

Auch die Relativierung von NS-Verbrechen war bis in die sechziger Jahre gängige Praxis. Sie geschah durch die Umwandlung von Tätern in sogenannte Gehilfen, die vorgeblich die Tat "nicht als eigene" gewollt hätten. Auch hier ist die Statistik eindeutig: Bei der Ahndung der Morde von Einsatzgruppen, die für über eine Million Morde an Juden in Osteuropa verantwortlich waren, wurden über 90 Prozent als Gehilfen und acht Prozent als Täter eingestuft. Das Landgericht München I zum Beispiel erklärte in seinem Urteil vom 21. Juli 1961, der SS-Sturmbannführer und Leiter der Einsatzgruppe 8, Dr. Otto Bradfisch, sei lediglich ein "Gehilfe", und seine Verbrechen seien nicht Ausdruck seines persönlichen Interesses gewesen. Bei der Verurteilung von Bradfisch, der 15.000 Juden ermorden ließ und dabei selbst mitgeschossen hatte, übernahm das Gericht sogar dessen Selbstbeschreibung: Es fehle bei ihm "an Anhaltspunkten für die eigene feindselige Einstellung ... zur Judenfrage". Als habe Bradfisch nicht der SS angehört, deren Ideologie in der tödlichen Feindschaft gegen die Juden bestand.

Es gibt weitere zahllose Fälle, in denen NS-Täter strafmildernd von Tätern zu Gehilfen zurückgestuft wurden, was klarerweise die Gleichheit vor dem Gesetz verletzte. Der Adjutant des Vernichtungslagers Auschwitz, der stellvertretende Lagerkommandant des Konzentrationslagers Majdanek oder der administrative Leiter der NS-Euthanasie galten entgegen ihrer Funktion bloß als "Gehilfen". Der Strafrechtler Jürgen Baumann hat die Tendenz der bundesdeutschen Justiz, die Verantwortlichkeit für NS-Verbrechen zu vermindern, sarkastisch in einer Karikatur veranschaulicht: Da "sagt einer zu einem anderen, der gerade zu ›lebenslänglich‹ verdonnert worden ist, Juden hättest du umbringen sollen. Dann wärst du in zwei Jahren wieder draußen."

Allerdings: Einflussreiche Wissenschaftler – von Hermann Lübbe über Kurt Sontheimer bis Horst Dreier und Michael Wolffsohn – haben stets behauptet, "die ehemaligen Nationalsozialisten" seien in "der neuen Bundesrepublik zu keinem gravierenden politische Problem geworden, weil sie sich willig in die neue Ordnung einfügten" (Sontheimer). Für sie ist die Geschichte der Bundesrepublik eine Erfolgsgeschichte. Doch wer die systematische Aushöhlung des Verfassungsrechts und des Strafrechts im Umgang mit der NS-Herrschaft nur als Randphänomen wahrnimmt, für den muss der Satz gelten: Die Geschichte der Bundesrepublik muss erst noch geschrieben werden.